Boxfilm Schrauben im Kopf

Während der Boxsport an Quote verliert, bleibt er im Kino eine beliebte Metapher für die harte Schule des Lebens. Das Drama "Bleed For This" ist ein besonders brutales Beispiel.

Von David Pfeifer

Zuschauer gehen aus denselben Gründen ins Kino, aus denen sie zu Boxkämpfen gehen. Sie wollen große Geschichten erzählt bekommen, Dramen erleben, interessante Charaktere kennenlernen. "Bleed for This" ist die diesjährige Charakterstudie aus dem Subgenre des Boxerfilms (vergangenes Jahr war es "Southpaw" mit Jake Gyllenhaal). Die erste Szene beginnt damit, dass die Hauptfigur fehlt. Nicht nur, dass Vinny Pazienza noch nicht im Bild zu sehen ist - alles kreist um seine Abwesenheit. Sein Gegner, das Management, die Presse und die Offiziellen warten auf den Boxer, um mit dem Wiegen beginnen zu können. Die Kamera zeigt Goldkettchen, Krokoleder-Schuhe, dicke Sonnenbrillen und volumenoptimierte Föhnfrisuren, unverkennbare Insignien der Achtzigerjahre.

Szenenwechsel: Pazienzas Hotelzimmer, wo er auf einem Trimm-dich-Rad wie verrückt in die Pedale tritt, eingewickelt in Zellophanfolie. Das sogenannte Abschwitzen, also die aufs Gramm genau geregelte Klasse zu erreichen, ist für viele Männer in niedrigen Gewichtskassen eine irrsinnige Quälerei. Der Titel "Bleed for This" enthält bereits den entscheidenden Hinweis: Für etwas zu bluten, bedeutet mehr, als sich für etwas aufzuopfern. Und der Film schwenkt sofort weg, von den Goldkettchen, dem Ruhm und den Scheinwerfern, hin zum Elend, der Opferbereitschaft und den Entbehrungen.

Dieser Boxer ist ein Proll im Rausch, mit Oberlippenbärtchen und Leoparden-Unterhosen

Der echte Vinny Pazienza, im Film gespielt vom Ausnahmeschauspieler Miles Teller, war 1988 ein Bewerber auf den Titel im Halbweltergewicht. Doch "Bleed for This" soll, wie die meisten Boxfilme, nicht allein vom Gefecht im Ring erzählen, sondern vom ungleich härteren Kampf außerhalb. Interessant ist dabei, dass das Profiboxen in den USA seit Jahrzehnten an Quote verliert und im deutschen Fernsehen kaum noch gezeigt wird. Als Metapher fürs Kino aber scheint es zeitlos zu funktionieren. Die Verbildlichung des Lebenskampfes auf der Schicksalsbühne des Boxrings bleibt beim klassischen Boxen nachvollziehbar, im Gegensatz zu den wüsten Käfigkämpfen der "Ultimate Fighting Challenge", dem heutigen Kampfsport-Quotenbringer in den USA.

Pazienza erreichte damals sein Gewicht, verlor aber die WM nach Punkten und landete hinterher im Krankenhaus. Einerseits war er dehydriert vom Abschwitzen, andererseits gehörte er zu jener Sorte Boxer, die ihre Deckungsarbeit mit dem Kinn erledigen. Der echte Pazienza musste sich nicht nur schinden, um seine Gewichtsklasse zu halten, er musste auch mehr einstecken als viele seiner Kollegen, um seine Kämpfe zu gewinnen. Er musste bluten.

Ein klassischer Schmerzensmann also, wie sie die Boxgeschichte dem Kino seit vielen Jahrzehnten zuverlässig bereitstellt. Einer wie Jake LaMotta, für dessen Darstellung Robert De Niro 1981 einen Oscar als bester Hauptdarsteller bekam. Oder wie Chuck Wepner, ein Schwergewichtsboxer, dessen größte Leistung darin bestand, hoffnungslos unterlegen 15 Runden lang Prügel von Muhammad Ali einzustecken - und der damit zur Vorlage für "Rocky" wurde. Das Publikum liebt solche Kämpfer, weil sie die Realität verbiegen und zuverlässig Dramen abliefern.

Boxer sind häufig schillernde Charaktere. Pazienza stammte aus einer kleinbürgerlichen italo-amerikanischen Familie, brachte sein Preisgeld gerne mit wechselnden Frauen durch und ging auch in der Nacht vor einem Kampf noch ins Kasino, um Blackjack zu spielen. Miles Teller hat sichtlich Spaß daran, diesen Proll im Höhenrausch darzustellen, mit Oberlippenbärtchen in Leopardenprint-Unterhosen. Und natürlich hat Teller ordentlich boxen gelernt, immerhin geht es darum, die Karriere in Hollywood-Manier durch die Verkörperung eines Boxers auf die Preisverleihungsschiene zu setzen. Mit dem Sonderhandicap, dass Pazienza technisch schwach kämpfte, Teller also so gut werden musste, dass er es schon wieder schlecht aussehen lassen kann. Eine ähnlich schwierige Aufgabe, wie einen Trinker zu spielen, der ja stets versucht, nicht betrunken zu wirken.

Ohne Blut, Leid und Selbstüberwindung ist das Leben nicht zu haben

Doch besonders viel wird gar nicht geboxt in "Bleed for This", denn einerseits geht es eben nicht ums Boxen in einem Box-film. Andererseits hat die wirklich spektakuläre Wendung in Vinny Pazienzas Leben nicht im Ring stattgefunden. Bei einem Autounfall, bei dem er auf dem Beifahrersitz saß, wurde Pazienza lebensgefährlich verletzt, er brach sich das Genick. Er hatte Glück, dass er überhaupt noch laufen konnte, aber anstatt sich die beiden Halswirbel mit Titanplatten fixieren zu lassen, bestand er auf einer mittelalterlich wirkenden Stahlkonstruktion, die wie ein Gerüst an einem Gebäude von außen an seinem Kopf fixiert und zur Stabilisierung von einer Art Weste am Rumpf gehalten wurde. Dazu mussten Schrauben in seinen Schädel getrieben werden, zwei in die Stirn, zwei in den Hinterkopf. Und hier findet der Film nicht nur zu seinem Thema, sondern auch zu seiner Stärke. Plötzlich wird der Schmerzensmann so verwundbar, wie man als Mensch überhaupt nur sein kann. Wo der Boxer vorher harte Schläge auf den Kopf aushalten konnte, gerät nun das versehentliche Touchieren des Autodachs mit dem Stützgerüst zu einem Schockerlebnis. Schlafen, essen, sich überhaupt nur aufrecht hinsetzen wird zur Tortur für den Mann und die Zuschauer. Während die Einschläge also zarter werden, steigt ihr Effekt ins Unerträgliche.

Wenn Miles Teller als Pazienza zum ersten Mal nach dem Unfall eine Hantelstange hochheben will - wohlgemerkt: nur die Stange, ohne eine Gewichtsscheibe daran -, kann man fast nicht hinsehen. Dieser Kniff funktionierte bereits beim Filmklassiker "Lohn der Angst" aus dem Jahr 1953, in dem ein Lkw mit hochempfindlichem Sprengstoff vorsichtig zu seinem Ziel chauffiert werden muss. Durch das Wissen um den Sprengstoff wird jeder Stein auf der Straße und jede Kurve zur Nervenzerreißprobe.

Als ihm die Schrauben endlich wieder aus dem Schädel gedreht werden sollen, verzichtet Pazienza schließlich auf das Betäubungsmittel. Der Arzt setzt eine Ratsche an, und Miles Teller, der zu diesem Zeitpunkt schon sehr überzeugend gelitten hat, schreit: "Doc, sind Sie sicher, dass Sie in die richtige Richtung drehen? Es fühlt sich nämlich falsch an." Der Arzt erträgt die Prozedur selber kaum, erklärt es seinem Patienten aber eindrücklich: "Das ist so, als müsste ich eine rostige Schraube lösen, die mit Sekundenkleber fixiert wurde." Dann landen, langsam, ganz langsam, eine nach der anderen, vier große, blutige Schrauben in einer Petrischale.

Der echte Vinny Pazienza hatte sich für diese Art der Behandlung entschieden, weil er nie akzeptieren wollte, dass er nicht mehr boxen würde. Diese Sturheit und Leidensfähigkeit bildet Miles Teller wohltuend unaufgeregt ab. Er blickt nicht wild entschlossen drein, wie es beispielsweise Tom Hardy so unnachahmlich kann. Er zeigt auch nicht jede Schattierung der Verzweiflung, worauf sich Leonardo DiCaprio spezialisiert hat. Tellers Pazienza ist überzeugend, weil er sich nicht infrage stellt. Es gibt für Menschen, die so handeln, ja selten eine Alternative. Ohne Bluten, Leiden und Selbstüberwindung ist das Leben eben nicht zu haben, so die gemeinsame Lehre aus Boxkämpfen und Boxfilmen. Zuschauer bei Boxveranstaltungen fragen sich häufig, warum die Kämpfer sich das antun - während die Kämpfer sich fragen, wie man ohne den Nervenkitzel der eigenen Entgrenzung morgens überhaupt aus dem Bett kommen soll.

Bleed For This, USA 2017 - Regie, Buch: Ben Younger. Kamera: Larkin Seiple. Musik: Julia Holter. Schnitt: Zachary Stuart-Pontier. Mit: Miles Teller, Aaron Eckhart, Katey Sagal. Sony, 117 Minuten.