Boris Becker gründet Promi-Portal Der bewegte Mann

Inhalt, den man nicht kaufen kann: Boris Becker vermarktet das, was am meisten Geld bringt - sein Privatleben. Langzeit-Unterstützer Bild und RTL helfen dabei.

Von Christopher Keil

Wenn man als berühmter Mensch heute ein Geschäftsmodell entwickelt, das die eigene Berühmtheit zum Inhalt hat, dann braucht man Medienpartner. Bild hat sich stets sehr verdient gemacht um die Berühmtheit Boris Beckers, der mittlerweile auch schon 41 Jahre alt ist. Nachdem er im Sommer vor 24 Jahren als erster Deutscher, als erster ungesetzter und jüngster Spieler aller Zeiten das internationale Rasentennisturnier von Wimbledon gewann, kam es immer wieder zu bezahlten und mehr oder weniger verabredeten Partnerschaften zwischen ihm und Bild.

Es begann 1985 mit einem Tagebuch, später, in der ersten Zeit nach der Jahrtausendwende, verwies ein ehemaliger Berater des damals bereits sportkarrierebeendeten Profis auf die vielen Titelschlagzeilen, die Bild mit Becker gestaltet habe. Das, so wurde man belehrt, sei als Ausdruck allergrößter gesellschaftlicher Bedeutung zu verstehen.

Auch am Donnerstagmorgen dieser Woche diente Bild dem Umfragen zufolge zweitbekanntesten Deutschen im Ausland (nach dem Papst) als Pinnwand. Auf der ersten und letzten Seite stellte das Blatt "Boris-TV" vor, das Becker am Donnerstagnachmittag dann in München als sein neuestes Projekt vorstellte. Bei Boris-Becker.TV soll es sich um den "Start des weltweit ersten personalisierten" WebTVs handeln.

Das einfache Konzept von Beckers Fernsehen ist allerdings auch in der angeblich so preiswerten Internetwelt überhaupt nicht billig - im Unterhalt. Weil nicht nur Bild, sondern auch Gala, Bunte, Blitz und Plotz höchst interessiert sind an Details aus dem Privatleben des selbsternannten Weltbürgers mit Wohnsitz in der Schweiz und Kindern in Miami und London, liefert Becker die intime Ware künftig selbst. In Bildern und Videos soll sein Leben mit der bald zweiten Ehefrau Lilly Kerssenberg dokumentiert werden. Außerdem will Becker in einem Blog persönlich Auskunft erteilen.

Um 16 Uhr am Donnerstag wurde Boris-Becker.TV freigeschaltet. Man sieht Lilly am Ohr ihres künftigen Gatten lecken oder die Haare ihres künftigen Gatten auf dem Rücksitz richten. Man sieht Becker (unterbelichtetes Foto, Amateur-Style) in Las Vegas im Gespräch mit Donald Trump. Man sieht Becker "mit Hut im Flugzeug" (Legende). Und natürlich sieht man "Boris Becker & Lilly Kerssenberg: Ihre Liebe in Bildern", in 63 Bildern. Das Angebot ist kostenlos. Für Bild und Bild.de eine wichtige Meldung, denn Bild ist Exklusivpartner, auch Vertriebsweg von Becker.TV und wird mit einem konfektionierten Produkt aus Fotos und Filmchen bedient. RTL ist der andere Partner. Das Fernsehen des Medienkonzerns Bertelsmann wird die Hochzeit der Becker-Kerssenbergs vermarkten - der Erlös soll karitativen Zwecken dienen.

So viel Becker wie noch nie

Ashton Kutcher hat neulich als Nutzer von Twitter bewiesen, wie man das veröffentlichte Bild von sich mit Hilfe einer neuen Kommunikationsplattform steuern kann. Kutcher kommentiert seinen Alltag und liefert Schnappschüsse dazu. Die tägliche Selbstauskunft wird Paparazzi und Yellow Press treffen.

Boris-Becker.TV könnte als Versuch missverstanden werden, Becker habe die Lust verloren an dem, was andere über ihn berichten und wolle künftig die Agenda selbst vorgeben. Doch das wird nicht der Fall sein oder bestenfalls ein Nebeneffekt. Im Gegenteil. Kutcher geht es beim twittern nicht um Geld. Boris-Becker.TV vermarktet Boris Becker in der letzten Konsequenz und überlässt es nicht mehr nur den High-Society-Heftchen und den Boulevard-Magazinen des Fernsehens, sein Leben abzubilden - er überlässt es also nicht mehr anderen, mit ihm Auflage oder Quote und Gewinn zu erzielen.

Deshalb wird es wohl statt weniger Becker so viel Becker wie nie geben, modern platziert im Online-Raum, multipliziert über Bild und RTL, optisch aufwendig und professionell gestaltet mit allen Tools, die dazu gehören. Von überall her - von Google, von Facebook - werden die Suchwege auf Boris-Becker.TV führen. Becker, der Werbeträger, Experte, Buchautor und Kolumnist, soll anderen berühmten Menschen begegnen. Sportliche Höhepunkte seiner Vergangenheit, bewegende Momente sind abrufbar, "Content, that money can't buy", Inhalt, den man nicht kaufen kann, wirbt BB-TV.

Lieben und Leiden

Das wird bestenfalls Folgen haben, möglicherweise auch unfreiwillig komische, schlimmstenfalls keine oder peinliche. Wenn die Klickzahlen nicht in die gewünschte Höhe springen, wird die Show ziemlich teuer. Auf Millionenhöhe bewege sich das Engagement, sagt Peter Lauterbach, in das viele Sponsoren Beckers integriert sind. Lauterbach, 32, ist wie Becker Gesellschafter und Geschäftsführer der in Zug ansässigen Bewegtbildagentur GmbH, die Boris-Becker.TV herstellt. Dass der Firmensitz in der Schweiz liegt, lässt darauf schließen, dass Becker Mehrheitseigner ist.

Lauterbach, der die Formel-1-Übertragung bei Premiere moderiert, betreibt bei München eine erfolgreiche Kommunikationsagentur für digitale Inhalte. Sollte Boris-Becker.TV funktionieren, will die Bewegtbildagentur das Modell an weitere Prominente verkaufen.

Es ist seit 1999, seit er nicht mehr der Tennisspieler Becker ist, der nächste Versuch des Pokerspielers Becker, beruflich in den Medien Fuß zu fassen. Das ist ihm bisher nicht gelungen. Bloß als Darsteller seiner Lieben und Leiden war er zuletzt gefragt. Becker setzt nun auf ein neues Team. Neben Lauterbach wird sich Marcus Höfl, 35, um ihn kümmern, speziell darum, dass er Werbepartner behält und neue gewinnt. Höfl, ein Deutscher, der mit seiner Firma in Salzburg heimisch wurde, ist ein stiller Berater. Ihn kennen wenige, seinen wichtigsten Kunden kennen alle. Er heißt: Franz Beckenbauer.

In den Hafen der Ehe verlaufen

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