Bodo Kirchhoff im Interview "Es nervt mich, wenn die Leute sagen: Unser Land wird sich nicht verändern"

Bodo Kirchhoff mit dem Verleger Joachim Unseld (links) am Montag bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2016.

(Foto: Hannelore Foerster/Getty)

Bodo Kirchhoff, Träger des Deutschen Buchpreises, spricht über Flüchtlinge, starke Romanzen und aussterbende Berufe.

Interview von Lothar Müller

Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff, geboren 1948, hat zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse für seine Novelle "Widerfahrnis" den Deutschen Buchpreis erhalten. Wir trafen ihn am SZ-Stand.

SZ: In manchen Kommentaren war zu lesen, ein Frankfurter Lokalmatador habe den Deutschen Buchpreis gewonnen. Fühlen Sie sich da getroffen?

Bodo Kirchhoff: Na ja, auch. Einfach deshalb, weil meine Kinder hier aufgewachsen sind, ich hier schon lange lebe. Aber so ganz trifft der Begriff natürlich nicht zu. Es lag vielleicht daran, dass ich in meiner Dankesrede die Frankfurter Eintracht erwähnt habe, die mir in letzter Zeit mit ihren guten Spielen ein gutes Vorzeichen gewesen ist.

"Widerfahrnis" ist ein Wort, dem man im Alltag eher selten begegnet.

Das begegnet einem gar nicht. Mir ist es zum ersten Mal vor fünf Jahren begegnet, in einem der Schreibseminare, die ich gebe, in Italien, da hat eine Teilnehmerin auf die Frage, worum es in ihrer Geschichte geht, gesagt: "Widerfahrnis". Das hat mich sehr schlagartig getroffen, weil ich das Wort noch nie gehört habe. Ich habe dann den theologischen Sinn dieses Wortes aufgespürt, das sich bei Heidegger finden lässt, aber nicht im Duden, und hatte zeitweilig das etwas größenwahnsinnige Gefühl, der einzige Inhaber dieses Wortes zu sein. Das war natürlich Blödsinn, aber ich hatte sofort das Gefühl, das ist ein ganz starkes Wort, das noch keine Geschichte hat. Ich sah es sofort als Titel, die Geschichte dazu kam dann im letzten Jahr.

Sie schicken da ein Paar, so kann man es ab einer gewissen Lesezeit nennen, auf eine Reise, in eine Himmelsrichtung, die für Deutsche lang mit Sehnsüchten aufgeladen war, nach Süden . . .

Das ist immer noch eine Sehnsuchtsrichtung. Am Anfang gab es diesen Kleinverleger, der aufgehört hat, und der eine Weinflasche nicht aufbekam, der Korken kam einfach nicht raus, das war alles, mehr hatte ich nicht, und dann kamen die Schritte dazu, die vor der Tür zu hören waren, ich wusste aber nicht, wer das ist, und das war dann die Lesekreisleiterin der Wohnanlage, und die wollte er als Allerletztes vor seiner Tür haben, und dann haben sie eine Zigarette geraucht, und noch eine Zigarette geraucht und kamen sich etwas näher, und irgendwann saßen sie zusammen im Auto und wollten eigentlich nur die Sonne aufgehen sehen, aber fuhren dann weiter bis Sizilien. Und auf dieser Strecke nach Süden, und das ist eine Erfahrung, die auch ich gemacht habe, gab es mehr und mehr Menschen, die aus völlig anderen Gründen nach Norden strebten. Diese Gegenbewegung, das hat mich sehr bewegt.

Dieses Paar mit seiner Südbewegung ist von einer Aura des Anachronistischen umgeben. Er hat einen Kleinverlag und eine Buchhandlung aufgegeben, auch sie hat ein Geschäft aufgegeben, beide pflegen veraltende Untugenden, vor allem das Rauchen . . .

Ja. Wichtig ist, sie hatte einen Hutladen, sie hat auch selber Hüte gemacht und hat aufgehört, weil sie das Gefühl hatte, es gibt keine Hutgesichter mehr. Und er hat aufgehört, weil er das Gefühl hatte, es schreiben jetzt mehr Leute als lesen. Es sind, wenn Sie so wollen, beides gefährdete, vom Aussterben bedrohte Berufe.

Sie nennen Ihr Buch eine "Novelle". Warum haben Sie diese Form gewählt?

Für mich ist die Form der Novelle deshalb richtig gewesen, weil sich das Ganze in der sehr überschaubaren Zeit weniger Tage abspielt, auf einer horizontalen Erzählebene, und es gibt nur wenige Seiten, wo es in die vertikale, in die Vergangenheit zurückgeht. Und gleichzeitig geschieht dann etwas, was das Ganze vollkommen auf den Kopf stellt, und das ist ja in einer Novelle häufig der Fall. Im strengen theologischen Sinn meint Widerfahrnis ein spirituelles Ereignis, dem man selbst nichts entgegensetzen kann. Dem man sich nur beugen kann und das einen tief verändert. Das reicht für mich über die Theologie hinaus. Das Entscheidende ist, es gibt kein Verhaltensrezept in diesem Fall. Und das gilt auch für das, was wir alle erleben, seit einem Jahr, aber eigentlich schon länger, und auch weiter erleben werden, mit Menschen, die zu uns wollen. Auch da gibt es kein Rezept. Dieses Faktische hat eine enorme Größe, und diese Größe herunterzubrechen auf eine große Zahl, das verkennt dieses Moment von Widerfahrnis.

Wie verhalten sich die beiden Geschichten zueinander, die klassische deutsche Bewegung in diese Sehnsuchtslandschaft, die in der deutschen Literatur viel mit Liebe zu tun hat, und die sehr aktuelle, harte, von realitätsgesättigten Gründen vorangetriebene Bewegung von Süden nach Norden? Wie bringt man das in einer Novelle zusammen?

Mich hat interessiert, wie sieht das aus, dieser Einbruch von außen in das Private. Das war der entscheidende Punkt. Das findet in dem Moment statt, in dem die Beziehung der beiden Südreisenden so weit vorangeschritten ist, dass das beginnen könnte, was man eine Romanze nennt. Das geschieht, als in Catania das unbekannte Mädchen aus der Flüchtlingswelt zu den beiden hinzustößt. Das Interessante ist, dass sich damit auch die Liebesgeschichte beschleunigt.

Die Flüchtlinge kommen in Ihrer Novelle an, aber sie bleiben darin Randfiguren des deutschen Paares. Ist das nicht, literarisch gesehen, eine Ausweichbewegung vor der Süd-Nord-Bewegung?

Nein, Ich glaube, es geht um den Moment, wo die beiden zusammenkommen, wo sie sich darauf einlassen. Wenn das in fortgeschrittenem Alter geschieht, dann verlässt man sein eigenes Gehäuse. Das ist für mich der entscheidende Punkt. Wenn ich in mein Leben einen Anderen oder die Liebe hineinlasse, dann ändert sich alles. Dieses Öffnen der eigenen Tür, das Hereinlassen des Anderen im Privaten, ist im Kleinen genau dasselbe wie das Hereinlassen des Fremden im Großen. Es bedeutet, dass ich nicht bleiben kann, wie ich bin. Darum nervt es mich, wenn die Leute sagen: Unser Land wird sich nicht verändern. Natürlich wird es sich verändern. Dafür wollte ich eine einfache Geschichte erzählen.

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