Bob Dylan in München Die Antwort, mein Freund, ist ein Lächeln

Viel Diskussionsstoff für die Dylan-Gemeinde: Bob Dylan sägt, bellt, raunzt, nölt, heult, faucht - und dann tut er etwas Unerhörtes.

Von Kurt Kister

Es gibt einige Dinge, die man eigentlich über ein Konzert von Bob Dylan nicht mehr schreiben darf. Trotzdem, hier die Zusammenfassung: Ja, man hat ab und an Schwierigkeiten einzelne Songs zu erkennen, selbst wenn man ein approbierter Dylanologe ist. Ganz richtig, Dylan sägt, bellt, raunzt, nölt, heult, faucht, kann eher nicht singen. Sicher, er ist auf einer never ending tour, weil er seit Jahrzehnten andauernd überall auf dem Globus Konzerte gibt. Gewiss doch, sein Publikum, jedenfalls ein erheblicher Teil davon, wird immer älter, weil Dylan selbst demnächst auch schon 68 wird. Soviel zu den Klischees.

Der größte Lyriker Amerikas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Mr. Bob Dylan.

(Foto: Foto: Sony-BMG)

Auch bei Dylans Konzert im Münchner Zenith trafen all diese Klischees zu. (Das Zenith ist eine Fabrikhalle mit scheußlicher Akustik, die an jenen Ort erinnert, an dem James Bond im vorletzten Film, Casino Royale, so übel gefoltert wurde.) Dylan erfreute seine zahlreichen Fans mit einem 17-Songs-Set, der von "Maggie's Farm" (relativ gut erkennbar) bis "Blowin' In The Wind" (eine Mischung aus Rockabilly und Ska mit Hopi-Gesang) reichte.

Die Band, mehrere schwarz gekleidete, unauffällige Herren, wirkte bei einigen Songs unglücklich mit der Hallenakustik zusammen. So wurde aus der alten Blues-Nummer "Rollin' and Tumblin'" ein treibender Rhythmus-Teppich, der weniger Gelegenheit zum Mitfliegen als vielmehr Anlass zum Fürchten bot, weil er sich so anhörte, als landeten gerade die außerirdischen Goa'uld im Zenith.

Ein kleiner Schwerpunkt des Dylan-Abends lag auf Songs aus seinem letzten, hervorragenden Album Modern Times. Während seiner Europa-Tournee, die Dylan im März in Schweden begann, wird am 28. April sein neues Album, Together Through Life, erscheinen. Das Motto stimmt allemal, denn weltweit sind Millionen mit Dylan und seinen Songs gemeinsam durchs Leben gegangen.

Das war natürlich auch im Zenith zu spüren. Als fünften Song stimmte er "Just Like A Woman" an und alles, alles sang den Refrain mit. Das war dann wie bei den Stones, wenn sie Satisfaction spielen oder wie letzten Sommer beim nahezu heiligen Leonard Cohen in Lörrach, als alle " . . . then we take Berlin" brüllten. Die lautstarke Liebe der Fans macht auch vor Dylan oder Cohen nicht halt.

Kein anderer Vertreter der populären Musik hat mit seinen Texten so viele Menschen bewegt, vielleicht sogar geprägt wie Bob Dylan, Amerikas größter Lyriker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. "Blowin' In The Wind" oder "The Times They Are A-Changin'" wird bleiben, lange nachdem jeder, der jemals ein Dylan-Konzert gehört hat oder noch hören wird, zu Staub und Asche zerfallen sein wird.

Beim Meister selbst hat man den Eindruck, er kenne die jenseitige Welt - auch deren Töne - ähnlich gut wie die diesseitige. Die meiste Zeit steht er, von einem flachen Hidalgo-Hut beschattet, am Keyboard und rührt sich wenig. Zwischendurch aber greift er dann mal zur Gitarre oder bläst die Mundharmonika und ganz kurz erkennt man den, den man von den Platten her auswendig in sich trägt. Und plötzlich, es mag während "You Ain't Goin' Nowhere" gewesen sein, auf jeden Fall aber bei "Just Like A Woman", sieht man ein Lachen, nein, ein Lächeln auf seinem Gesicht. Bob Dylan lächelt. Auf der Bühne. Wann hat er das zum letzten Mal getan? Was hat das zu bedeuten? Die Dylan-Gemeinde wird im Internet zu diskutieren haben.