Bob Dylan Der Literaturnobelpreisträger schreibt bei einer Schülerhilfe-Website ab

Der Literaturnobelpreisträger als Plagiator? Bob Dylan.

(Foto: REUTERS)

Das ist kein Skandal - sondern der Beweis, warum Bob Dylan diesen Preis wirklich verdient hat.

Von Julian Dörr

Man dachte schon, die Sache mit Bob Dylan und seinem Literaturnobelpreis sei endlich reibungslos über die Bühne gegangen. Nach langem Hin und Her, nach ignorierten Telefonanrufen und Verleihungsboykott. Dylan hat dieser Tage die letzte Hürde genommen, die ihn noch von seiner Auszeichnung getrennt hat. Er hat eine Nobel-Vorlesung gehalten. Über Moby Dick. Doch die soll ein Plagiat sein. Und zwar ausgerechnet von einer Website, die Interpretationshilfen für Schüler anbietet.

Die US-amerikanische Autorin Andrea Pitzer hat das mit viel Mühe und Liebe zum Detail in einem Artikel für das Onlinemagazin Slate nachgewiesen. Und die Beweislast, sie ist erdrückend. So hat Bob Dylan in seiner Rede eine Textstelle aus Herman Melvilles Roman "Moby-Dick" zitiert, die im Original so gar nicht vorkommt. Wohl aber auf der Website SparkNotes, einer Seite, die Schülern Interpretationshilfe für große Werke der Literaturgeschichte zur Verfügung stellt.

Wo es keinen Autor mehr gibt, dort gibt es auch kein Plagiat

Pitzer listet in ihrem Artikel insgesamt 20 Sätze aus Dylans Nobel-Vorlesung auf, die zumindest sehr große Ähnlichkeit mit Passagen von SparkNotes haben. Der Nobelpreisträger für Literatur hat also wohl tatsächlich bei einer Schülerhilfe abgeschrieben. Allein: Ein Skandal ist das nicht. Und überraschend schonmal gar nicht. Denn die Vorlesung spiegelt nur die Arbeitsweise wider, die Bob Dylan in seinem Spätwerk perfektioniert hat. Und für dieses literarische Schaffen wird er ja schließlich auch mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Dylan sammelt Textstellen aus anderen Werken, verwischt die Grenzen zwischen Zitat und Plagiat, zwischen Pop- und Hochkultur. In seinen Songs stehen wörtliche Zitate aus Ovids Schwarzmeerbriefen neben Textpassagen aus einem japanischen Mafia-Roman. Soldatenbriefe aus dem amerikanischen Bürgerkrieg neben Shakespeare. Und das ist auch das Besondere an Dylans Spätwerk. Eine der größten Stimmen ihrer Zeit lässt an ihrer statt ein Wirrwarr aus vielen einzelnen Stimmen sprechen.

So macht Dylan Literatur aus Literatur. Weshalb es nur konsequent ist, dass er eine Vorlesung aus anderen Vorlesungen zusammenbaut. Oder - und das kann man vielleicht auch als rebellischen Akt lesen - eben aus Interpretationshilfen für Schüler.

Der Autor löst sich auf, er verschwindet. Und wo es keinen Autor mehr gibt, dort gibt es auch kein Plagiat. Man kann es also problematisch finden, dass Dylan wohl bei einer Schülerhilfe abgeschrieben hat. Aber dann muss man den Künstler Bob Dylan in seiner Gesamtheit problematisch finden. Denn im Zentrum seines dichterischen Schaffens stand vom ersten Tag an das Spiel mit Identität, mit Masken und Rollen, mit Historie und Mythos. Und dafür hat er zurecht den Literaturnobelpreis erhalten.

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