Bo Diddley verstorben Das einsaitige Genie

Er sang nur über sich - und beeinflusste mit seinem Sound Generationen von Musikern. Zum Tod des großen Selbstdarstellers und noch größeren Rock'n'Roll-Musikers Bo Diddley.

Von Karl Bruckmaier

Am 30. Dezember 1928 wird auf einer Farm im Bundesstaat Mississippi Otha Ellas Bates geboren. Mit acht Monaten gibt die ledige Mutter ihr Baby ihrer Cousine Gussie McDaniel zur Pflege. Den Familiennamen McDaniel wird der Junge behalten.

Bo Diddley im September 2005 auf der Bühne eines Festivals in Seattle

(Foto: Foto: Reuters)

Mit sechs kommt Klein-Ellas nach Chicago. Die anderen Kinder verspotten ihn als Landei. Es darf vermutet werden, dass die angeberischen Texte, die verbalen Raufereien in Bo Diddleys Songs und die Idee, Berufsboxer zu werden, mit diesen Sticheleien in direktem Zusammenhang stehen.

Und noch etwas schnappt Ellas auf: den Rhythmus der selbstgebauten, einsaitigen Kindergitarren, die den Namen "diddley bow" tragen und sich direkt von afrikanischen Instrumenten ableiten lassen. Doch das afrikanische Erbe ist nicht sehr angesehen: Ellas will zunächst höher hinaus und Violine lernen.

"Wenn der Typ Gitarre spielen kann, kannst du das auch"

Die Kirchengemeinde sammelt, und Ella bekommt sein erstes Instrument und Unterricht bei dem späteren Free-Violinisten Leroy Jenkins: "Wir lernten diese deutsche klassische Musik. Ich konnte nicht einmal die Namen richtig aussprechen. Meine Art, Rhythmusgitarre zu spielen, hängt aber mit meiner Geigenausbildung zusammen. Ich spielte die Gitarre so, als ob ich Geige spielen würde. Daher dieser funky beat."

Ellas wollte erst Boxprofi, dann Schreiner werden. "Aber als ich John Lee Hooker im Radio hörte, sagte ich mir: Wenn der Typ Gitarre spielen kann, dann kannst du das auch." Eine Band wird gegründet, einer singt, einer spielt Waschbrett, Bo die Gitarre, und er reimt Nonsense-Zeilen in bester Pop-Manier. 1955 kreiert Bo Diddley eine der besten Debüt-Singles aller Zeiten, vorne drauf "Bo Diddley", hinten "I'm a Man".

Der Mann, der nur über sich selbst singt, ist ruckzuck ein Star in den schwarzen Charts, bei den Jukebox-Aufstellern und auf den großen, schwarzen Live-Bühnen wie dem Apollo. Und auch bei einem weißen Publikum: Dabei hat es ihm nie wirklich geschadet, dass er die bis an die Grenze des Erträglichen großsprecherische Knallcharge gab.

Zu wenig cool, zu dorftrottelhaft, black ohne beautiful

Er zuckte einfach nicht zurück, wenn es anfing, ihm und anderen weh zu tun. Bo Diddley pumpte sich und seinen sich niemals und unter gar keinen Umständen verändernden Sound immer weiter auf, ins Überlebensgroße. Ins Ehrfurchtgebietende. Würde je ein Mount Rushmore für Rock'n'Roller graviert werden, drei der vier Gesichter wären das von Ellas McDaniel.

Die sechziger Jahre aber waren dann doch nicht nur nett zu Bo Diddley. Er tourte erfolgreich durch die Clubs der USA und noch erfolgreicher durch das bluesboomende England mit den Stones als Vorgruppe, hatte eine schicke Gitarristin dabei, die er als seine Halbschwester ausgab, aber seine Platten verkauften sich immer schlechter.

Bo war den bürgerrechtsbewegten Schwarzen in den Metropolen zu wenig cool, zu dorftrottelhaft, black ohne beautiful. Bo hat darauf reagiert, wie er zeitlebens immer auf alles reagiert hat: Er machte das Gleiche in neuer Verpackung. LP-Titel verhießen, dass Bo Surfmusik, Twist oder Musik für Beach Partys machen würde, doch variierte er nur noch seine frühen Hits auf durchaus kongeniale Weise.

"Bo, you don't know Diddley"

Geld von Plattenfirmen sah Bo Diddley ohnehin erst in den späten achtziger Jahren, nachdem er sogar eine Weile den Hilfssheriff in Albuquerque geben musste, bis MCA seinen Backkatalog kaufte und zum ersten Mal korrekt mit ihm abrechnete, begleitet von einer wunderbaren 3-LP-Box, die seinen Wunderbeat einer neuen Generation näherbringt. Bo schaffte mit Hilfe seiner neuen, professionellen Freunde den Schritt ins Legendäre, wird umjubelter Stargast bei Jazzfestivals, Gaststar in der Sesamstraße, und sein Gesicht tauchte auch in Hollywood-Filmen auf.

Und dann der Knalleffekt: Bo wurde mit dem US-Sport-Idol Bo Jackson für einen Nike-Werbespot engagiert. Er sagte auf MTV hundert Mal am Tag "Bo, you don't know Diddley", und Bo hatte wieder einen guten Namen. Zuletzt war es still um den so einflussreichen schwarzen Rock'n'Roll-Musiker. Ein Schlaganfall hatte ihm die Sprache geraubt, am Montag ist er im Alter von 79 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.