"Blue Jasmine" im Kino Aberwitziger Selbstbetrug

Cate Blanchett liefert in "Blue Jasmine" eine Tour de Force ab - als Gattin eines Milliardärs, der alles verloren hat

(Foto: Imago Stock&People)

"Blue Jasmine" heißt der neue, gefeierte Woody Allen. Große Frauenrolle, großes Drama, und dann noch von einem Meister. Müsste man eigentlich gut finden. Wenn der Film nicht vor allem eines zeigen würde: Allens fortschreitenden Weltverlust.

Von Tobias Kniebe

Jasmine also. Das hier ist ihre Show. Klassische Chanel-Jacke, weiß mit schwarzen Bordüren. Perlen, doppelt gehängt. Die Haare Ton in Ton mit dem Goldschmuck, Hermès-Handtasche, First-Class-Ticket, Koffer mit Monogramm. Reich und schön, zwar mit Geschmack, aber ohne Persönlichkeit. Modisch ganz auf der sicheren Seite. Das wäre hier, unter normalen Umständen, die Ansage.

Nur sind die Umstände nicht normal. Jasmine muss reden, egal mit wem. Tief durchatmen, sich Luft verschaffen, die Panik niederkämpfen. Ihre Hände flattern, verkrampfen sich, berühren beschwörend die pochenden Schläfen. Gelegentlich, von Pein überwältigt, formt ihr Mund einen Krater aus Fassungslosigkeit. Manchmal blinkt auch Hass aus ihren Augen, die ein bisschen zu glänzend sind, wie mit Xanax glasiert.

Alles verloren

Jasmine hat alles verloren. Vor allem ihren Mann, einen Investment-Tycoon, der Milliarden vernichtet hat, hochkriminell per Schneeballsystem. Der ist nun tot, er hat sich im Gefängnis erhängt. Aber auch das Penthouse am Central Park, die Hamptons-Villa, die Kunst, die Konten, ein Großteil des Schmucks - alles weg. Eine Flüchtige und Verstoßene ist sie nun, die nur noch bei ihrer Schwester Unterschlupf findet. Die ist Kassiererin in einem Supermarkt, in San Francisco, wo Jasmine nun ankommt.

Und ja, sie ist wirklich eine Tragödin im Tennessee-Williams-Format. Eine Blanche DuBois für die Depressionen der Gegenwart, die klassische Diva am Rand des Nervenzusammenbruchs. Woody Allen hat sie erfunden, und Cate Blanchett haucht ihr nun flackerndes Leben ein, eine bebende, überspannte, Aufmerksamkeit fordernde Tour de Force.

Muss man so etwas nicht lieben? Große Frauenrolle, großes Drama, und dann noch von Woody Allen, der sich endlich mal wieder aufgerafft hat, Ernst zu machen. Der zurück nach Amerika gegangen ist, wo er sich auskennt, der mal wieder ein echtes Thema anpackt, hochaktuell, geradezu politisch. Die Kritiker, die "Blue Jasmine" bisher rezensiert haben, sind sehr weitgehend einig: man muss.

Und es klingt ja auch alles gut. Woody Allens längere touristische Werkperiode, diese Ausflüge von Barcelona über Paris bis Rom, diese lustigen Pappkameraden vor Fremdenverkehrskulisse - endlich vorbei. Teile des neuen Films, die Rückblenden in Jasmines früheres Leben, spielen jetzt sogar an einem Ort, wo er wohnt und sich wirklich auskennt: Upper East Side, Manhattan.

Dort aber, das kommt noch bonusmäßig dazu, residierte bis zu seiner Verhaftung im Jahr 2008 auch Bernie Madoff, der größte Finanzbetrüger in der Geschichte Amerikas, mit seiner Frau Ruth. Und wenn diese Ruth nun kein Vorbild für Jasmine und ihr Schicksal ist - wer bitte dann? Madoff lebt zwar noch, eingesperrt für 150 Jahre - anders als die Filmfigur. Dafür hat sich Madoffs Sohn erhängt . . .

Der Stoff, aus dem Meisterwerke sind?

Fasziniert, schon im Vorgriff, denkt man an die Intimität, die Allens New-York-Stories immer ausgezeichnet hat. Wie das jetzt passen würde! Madoff führte sein Betrugsgeschäft bekanntlich als Friends & Family-Betrieb: Spielbergs Stiftung hat Millionen bei ihm verloren, genau wie die Elie Wiesel Foundation oder die Women's Zionist Organization of America. Und wer könnte das nun besser (und böser und lustiger) beschreiben als Woody Allen - diesen gruselig-menschelnden, schaurig-schönen Familienaspekt?

So nah vor der Haustür, dass es wehtut. Ist das nicht der Stoff, aus dem Meisterwerke sind?

Aber ach, dieser Traum zerplatzt schon mit der ersten Rückblende. Da taucht nämlich Alec Baldwin auf. Er spielt Jasmines Ex-Ehemann - als glatten, seelenlosen Betrüger. Serielle Untreue durchseucht sein Geschäft, genau wie sein Eheleben. Bernie Madoff spielt er eindeutig nicht. Im Gegenteil, der Film gibt ihm so wenig wiedererkennbare Eigenschaften wie möglich, und das gilt dann auch für Jasmine. Schade - wieder nur zwei Phantasiefiguren, im stillen Kämmerlein in die Schreibmaschine gedonnert. Macht Woody Allen das aus Vorsicht, weil ihm die echte Madoff-Nummer zu heiß ist? Nein, die Antwort ist vermutlich banaler: Er interessiert sich nicht mehr für die Wirklichkeit. Schon lang nicht mehr.