Von Peter Burghardt

Kubas berühmteste Bloggerin wird entführt, beleidigt, geschlagen. Nun schilderte sie Tat und Folgen ihrer "Entführung im Camorra-Stil".

Über ihre Erlebnisse auf Kuba schreibt Yoani Sánchez regelmäßig, das hat sie bekannt gemacht. Die 34 Jahre alte Autorin aus Havanna zählt zu den meist geehrten Bloggerinnen der Welt - bloß entgegen nehmen durfte sie keinen ihrer Preise im Ausland, weil den Castros ihre Texte weniger gut gefallen und ihr jedes Mal die Reise verweigert wurde. In ihren auch schon von der Deutschen Welle preisgekrönten Miniaturen auf www.desdecuba.com/generaciony berichtet die Chronistin über vieles, was in den Staatsmedien eher nicht vorkommt. Etwa einen schwarzen Taxifahrer, der nachts nur Weiße mitnimmt. Oder den US-Boykott, der angeblich auch Kakerlaken auf der Geburtsstation erklären soll. Nun schilderte sie Tat und Folgen einer "Entführung im Camorra-Stil", wie sie es nennt. Es war ihre eigene Entführung.

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Während in Berlin 20 Jahre Mauerfall begangen wurden, versucht Sánchez ihre Verletzungen zu überwinden. (© Foto: oH)

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Am vergangenen Freitag wurden Yoani Sánchez und ihr Kollege Orlando Luis Pardo mitten in der Hauptstadt in ein Auto gezerrt. Sie rief um Hilfe, doch die Kidnapper warnten Passanten: "Mischt euch nicht ein, das sind Konterrevolutionäre." Kubas Führung unterteilt die Bürger gerne in Revolutionäre und Konterrevolutionäre, das Fahrzeug hatte offenbar die Polizei geschickt. Als die Bloggerin sich wehrte, wurde sie beleidigt und geschlagen. "Bring' mich endlich um", schrie sie, so steht es in ihrer Kolumne. "Lass' sie atmen", riet der Chef des Prügelkommandos. Später wurden Sánchez und Pardo hinausgeworfen.

So erlebte Kuba eine Attacke auf eine der mutigsten Andersdenkenden, während in Berlin 20 Jahre Mauerfall begangen wurden. Menschenrechtler und Journalistenverbände protestieren. Sánchez versucht, ihre Verletzungen zu überwinden. Für sie war es "eine Demonstration der Machtlosigkeit und Intoleranz", das Internet kann selbst das Regime kaum kontrollieren. In der Klinik bekam sie Schmerzmittel und eine Krücke. In ihrem Beitrag "Die Schuld des Opfers" grübelt sie über jene, die so tun, als sei sie selbst verantwortlich, wie die Vergewaltigte im kurzen Rock. Unter dem Text stehen 4502 Leserkommentare. In den Zeitungen: kein Wort. Für Yoani Sánchez bleiben "meine wichtigste Therapie dieser Blog und die Tausenden von Themen, die ich darin noch behandeln muss".

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(SZ vom 13.11.2009/iko)