Obendrein nutzt Huber die Schöpfungstexte des Alten Testaments dazu, dem Menschen Rechte zu verweigern, die im jüdischen Diskurs mit denselben Texten anerkannt werden.

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Weiß der protestantische Bischof besser als jüdische Theologen, was der wahre Sinn altisraelitischer Mythen ist? Antijudaismus zu kritisieren ist leicht. Aber Juden sehen Jesus nun einmal sehr anders als Christen.

Gerade wer den Kreuzestod Jesu von Nazareth als "Selbsthingabe" beschreibt und ihm universelle Heilsbedeutung zuerkennt, darf die bleibenden fundamentalen Differenzen nicht verschweigen. Huber zieht unsachliche Polemik gegen muslimische Religionsführer und eine entschiedene Abgrenzung vom römischen Katholizismus vor.

Der Ökumeniker der Profile kritisiert heftig die römische Lehre von der Eucharistie als Messopfer. Das platonisierende Vernunftverständnis des Papstes sei unhistorisch abstrakt und das römisch-katholische Kirchenverständnis zutiefst unbiblisch. Die Kirche kenne weder heilige Institutionen noch geistliche Hierarchien, also Ämter sakraler Herrschaft.

Hier setzt er sich wohl auch von süddeutschen lutherischen Landesbischöfen ab, die, gegen Luthers Gemeindetheologie, ihrem Amt in katholisierender Eitelkeit eine besondere Eigenwürde zuschreiben.

Zur "Wertorientierung des christlich geprägten Kulturraums", ehedem sagte man Abendland, rekurriert Huber auf die Formel vom "christlichen Menschenbild". Dies klingt dann so: "Denn das biblische und mit ihm auch das christliche Menschenbild hat gerade den ganzen Menschen im Blick."

Gefährliche Bindungslosigkeit

Gibt es Bilder ohne Perspektivität des Sehens? Doch wie lässt sich in unausweichlich begrenzten Perspektiven der "ganze Mensch" wahrnehmen? Früher lehrten christliche Theologen aus guten Gründen, dass sich "der ganze Mensch" - eine Formel aus der medizinischen Anthropologie des frühen 20. Jahrhunderts - nur sub specie Dei, mit den Augen Gottes wahrnehmen lässt. Und dieser Blick steht selbst klugen Theologen nicht zur Verfügung.

Theologische Deutungen der christlichen Glaubenssymbole spiegeln immer auch den Geist ihrer Zeit. Huber beerbt alte deutsche Traditionen des Leidens an der pluralistischen Moderne.

Er spricht vom "verbreiteten Egotrip der Erlebnisgesellschaft" bzw. "Single-Gesellschaft" und "einem durch die Vorherrschaft des Individualismus geprägten Zeitgeist". "Die Menschen vereinzeln", und statt der Liebe herrscht "Konkurrenzdenken". "Beides löst eine weit verbreitete und gefährliche Bindungslosigkeit aus."

Auch gebe es gegenwärtig viele falsche Götzen. "Menschen hängen ihr Herz an die Spekulation mit frei um den Globus rotierendem Kapital, das im wahrsten Sinne des Wortes zu ihrem Gott wird, angebetet und verehrt."

Gegen "ein komplett diesseitiges, rein wirtschaftstaumeliges und radikal konsumzentriertes Leben", gegen den "verbreiteten Materialismus unserer Zeit" bilde "Spiritualität" ein Gegengewicht.

Christliches "Schwarzbrot"

Wo sie sich aber vagabundierend mit Wellness verbinde, gerate sie selbst "in den Sog des Konsumismus" und leiste so jener "kommerziellen Reduktion" der Seele Vorschub, gegen die die Menschen mit "der neuen Zuwendung zur Religion" rebellierten.

Nur christliches "Schwarzbrot" könne den Hunger nach Sinnerfüllung stillen. Ob Huber nicht weiß, dass manch neuer esoterischer Kuschelgott gerade von kirchlichen Verlagen vermarktet wird? Auch dürfte er öfters auf Kirchentagen gewesen sein.

Gern polemisiert er gegen die schnelle Medialisierung unserer Kultur und speziell "die verbreitete Neigung, Öffentlichkeit zu suchen, nach Möglichkeit Fernsehöffentlichkeit. Man will gesehen werden. Manche sind süchtig danach".

In populären Einführungen ist es legitim, den Gedankenball flach zu halten. Aber auch hier müssen Pässe ankommen. Die Auferstehung Jesu von Nazareth deutet Huber als "Übergang in eine andere Sphäre, die der raumzeitlichen Struktur enthoben ist".

Solch hohle Formelsprache dürfte nicht nur die Zweifler ratlos stimmen. Das "Reich Gottes" sei "gelingende Sozialität", "eine Sozialität, die keine Grenzen und keine Abgrenzungen kennt". Ist dies wirklich himmlische Vollendung? Wo durch radikale Entgrenzung alle Distanz zum Verschwinden gebracht wird, dürften eher höllische Verhältnisse herrschen.

Huber spricht sehr viel von Freiheit, die in Gottes Freiheit fundiert sei. Aber sein Buch zeugt von einem autoritären Gestus des Alleswissens. Wer selbst nicht zweifelt, wird Nachdenklichen nicht viel zu sagen haben.

Wolfgang Huber: Der christliche Glaube. Eine evangelische Orientierung. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008. 288 Seiten, 19,95 Euro.

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(SZ vom 29.08.2008/pak)