Biografie über Bruce Springsteen Der sein Volk beglückt

Bruce Springsteen kann man auch heute noch eine gewisse Streberhaftigkeit unterstellen.

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Ein 600 Seiten dicker Wälzer katapuliert uns in eine selige Periode des Showbusiness. Biograf Peter Ames Carlin weiß einfach alles, und Springsteens Probleme mit Frauen kommen in "Bruce" ebenso zur Sprache wie sein grenzwertiger Ehrgeiz.

Von Joachim Hentschel

Als der Komiker Ben Stiller seine eigene MTV-Fernsehshow hatte, Anfang der Neunzigerjahre, war die Zeit gerade reif für jede Art von Achtziger-Parodie. "Legends Of Springsteen" hieß eine der Sketchreihen: Stiller spielte Amerikas erfolgreichsten Rockstar, im Reagan-Ära-Outfit mit Bandana, ärmellosem Karohemd, prallem Bizeps, und die Szenen handelten davon, wie Comedy-Springsteen dem Mann auf der Straße begegnet: Er leistet jungen Müttern Geburtshilfe, schlägt Aliens in die Flucht, schrubbt nach drei Stunden Konzert auch noch den Fußboden. Ein Zuhörer wacht am nächsten Tag frisch rasiert auf, mit blank gewienerten Schuhen, auch das war Bruce. "Und dann heißt es immer, der härteste Showbusiness-Arbeiter wäre James Brown", seufzt der Fan.

Das ist das ewige Problem mit diesem Künstler, heute noch, fast dreißig Jahre nach der "Born In The U.S.A."-Platte mit der Flagge auf dem Cover: dass man ihm zwar guten Willen, aber auch eine gewisse Streberhaftigkeit unterstellt. Dass Bruce Springsteen oft so übereifrig wirkt, wenn er sein Volk beglückt, ihm viel Musik fürs Geld bietet, dass er herabsteigt von der olympisch hohen Bühne, auf der er paradoxerweise ja stehen muss, damit ihn wirklich alle sehen können.

In Deutschland, wo er bald auch wieder in vier Stadien auftreten wird, merkt man das nicht so, hier ist er der gute Onkel aus Amerika mit den 120 Millionen verkauften Platten. Auffälliger muss das in seiner Heimat sein: Springsteen, der sturm- und wasserfeste Liberale, der erklärte Nicht-Rebell, der mit seiner Art, die Mühseligen und Beladenen zu verstehen und (in jeder Hinsicht) zu besingen, wahnsinnig systemerhaltend wirkt.

"Bruce" genügt auch als Titel der monumentalen Biografie, die der ansonsten wenig bekannte New Yorker Journalist Peter Ames Carlin nun vorgelegt hat. Ein fast 600 Seiten dicker Trümmer, jetzt auch auf Deutsch erschienen, der allein schon deshalb alle bisherigen Studien vollwertig ersetzt, weil Carlin für seine Recherche Zugang zum inneren Kreis bekam, auch zum Künstler selbst. Und dennoch kein abgesegnetes Jubel-Parteibuch fabriziert hat.

Springsteens gelegentliche Willkür im Umgang mit den treuen Musikern, sein selbst bei Monopoly-Turnieren grenzwertiger Ehrgeiz, die Probleme mit Frauen kommen in "Bruce" zur Sprache - nicht, dass irgendetwas davon bei einem Rock-Alphatier aus der ersten Nachkriegsgeneration sonderlich überraschend wäre.

Aber wer eine Antwort auf die Leitfrage sucht, wie der 1949 in New Jersey geborene Springsteen zum Mittelsmann zwischen Trucker-Patriotismus und demokratischer Parteinahme werden konnte, zu einem, um dessen Songs sich die Präsidentschaftskandidaten beider Seiten prügeln - auch der wird hier erstaunlicherweise fündig.