Bildungspolitik Geht doch einfach heim

Lupenreine Leerveranstaltung: Die Universität ist eigentlich gedacht als "Anwesenheitsinstitution". Jedenfalls bisher noch.

(Foto: Cathreina Hess)

Einige Bundesländer schaffen die Anwesenheitspflicht für Studierende ab - eine groteske Fehlentscheidung. Die Politik scheint gleichgültig.

Von Steffen Martus

Schleswig-Holstein hat gerade die allgemeine Anwesenheitspflicht für Studierende abgeschafft. Die Landespolitik folgt damit einem Trend. Zuvor wurde in Nordrhein-Westfalen um eine entsprechende Veränderung des Hochschulgesetzes und seine Durchführung erbittert gerungen. Vielleicht sind die rechtlichen Argumente für diese Entwicklung triftig. Es gibt zudem gute Gründe dafür, dass sich Studierende für diese oder jene Seminarsitzung entschuldigen: weil sie sich um Angehörige oder Kinder kümmern müssen, weil ihnen selbst eine Krankheit zu schaffen macht oder weil sie sich ihren Unterhalt verdienen müssen, um studieren zu können. Auch schadet es nicht, sich dort von einer Fremdverpflichtung zu verabschieden, wo man ohnehin Selbstmotivation erwarten darf.

Problematisch ist die Abschaffung der Anwesenheitspflicht jedoch aus einem ganz anderen Grund: Der Bildungspolitik scheint es weitgehend gleichgültig zu sein, ob die von ihr beschworene "Gemeinschaften der Lehrenden und Lernenden" sich wechselseitig darauf verlassen darf, dass man sich zu gegebener Zeit in einem Raum zusammenfindet. Die politischen Verlautbarungen zeigen kein Verständnis dafür, was mit der regelmäßigen Anwesenheit auf dem Spiel steht.

Die Politik sollte lieber für mehr Dozentenstellen sorgen, als den Seminarbetrieb in Frage zu stellen

So erlaubt etwa die nord-rheinwestfälische "Begründung" für das neue "Gesetz über die Hochschulen" nur noch in besonders ausgezeichneten einzelnen Fällen, dass die Universität von der kontinuierlichen Präsenz aller Lernenden ausgeht. In solchen Ausnahmesituationen muss "ohne jeden Zweifel vermutet werden" können und für "jeden Durchschnittsbeobachter unmittelbar einsichtig" sein, dass das "konkrete Lernziel der konkreten Lehrveranstaltung" nur dann erreicht wird, wenn Anwesenheit gegeben ist. Auf dieser Grundlage wird insbesondere das Selbstverständnis einer gemeinsamen Arbeitsweise radikal infrage gestellt, die im 18. Jahrhundert an deutschen Universitäten entwickelt und als Erfolgsmodell seit dem 19. Jahrhundert weltweit exportiert wurde - in der "Begründung" heißt es: "Bei der Lehrveranstaltungsform des Seminars liegen diese Erfordernisse offensichtlich nicht vor."

"Offensichtlich"? Schon diese Formulierung macht misstrauisch. Tatsächlich lassen sich Enttäuschungen im Lehrbetrieb aus hochschulpolitischen Gründen nicht immer vermeiden: Es fehlt an Stellen für Lehrpersonal. Aufgrund des hohen Lehrdeputats kann zudem neben Forschung, Drittmitteleinwerbung und Selbstverwaltung nicht jede Veranstaltung den hohen Ansprüchen genügen, die die Lehrenden und die Lernenden an Seminare stellen. An der Ivy-League-Universität Princeton, die die Politik den Hochschulen hierzulande als Vorbild empfiehlt, wird gerade eine Debatte über das Deputat geführt: ob man von vier auf drei Seminare im Jahr zurückgehen sollte, um die Ausbildung zu verbessern. Das entspräche einem Drittel der Lehrverpflichtung eines hiesigen Professors. Solche Gedankenspiele würde man sich in Deutschland wünschen. Einige Bemerkungen im gerade erschienenen "Imboden-Bericht" zur Evaluation der vergangenen Exzellenzinitiative gelten daher der "Qualität der Lehre" als einer wichtigen "Baustelle". Die Expertenkommission weist auf einen wichtigen Sachverhalt hin: Es hilft den Studierenden generell nicht weiter, wenn sie die Verkörperungen wissenschaftlicher Exzellenz aus der Ferne beobachten.

Die neuen Hochschulgesetze dagegen degradieren das Seminar generell: "Das mit derartigen Lehrveranstaltungen oftmals verfolgte Lernziel der Einübung in den wissenschaftlichen Diskurs lässt sich auf vielfältige Weise und angesichts heutiger Medien nicht ausschließlich bei Anwesenheit vor Ort erreichen" - eine gewagte These. Sie missachtet alle Einsichten in die soziale Konstitution von Erkenntnis, die die Wissenschaftstheorie der letzten Jahrzehnte erbracht hat. Die Universität ist unter anderem deswegen eine "Anwesenheitsinstitution" (Rudolf Stichweh), weil in Seminaren die "Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden" in der wechselseitigen Beobachtung aller Beteiligten gebildet wird. Dies gilt gerade auch für die Studierenden untereinander. Jeder erinnert sich noch gut an Seminare, in denen man zwar auch wegen der Dozenten sehr viel gelernt hat, vor allem aber, weil kluge, interessierte und diskussionsfreudige Kommilitonen und Kommilitoninnen zusammen in einem Raum saßen. Genau davon berichten Studierende auch heute. Hat man eine Sitzung verpasst, ist der Zug erst einmal abgefahren, und man muss sich um Anschluss bemühen. Oder man muss darauf vertrauen, dass diejenigen, die permanent anwesend sind, zum Konvoi-Prinzip zurückkehren und auf Nachzügler, die bei ihren Stippvisiten von der geleisteten Seminararbeit profitieren, Rücksicht nehmen.

Das Mantra der Beschleunigung, Kapitalisierung, Flexibiliserung und Internationalisierung...

Entscheidend ist, dass ein Erkenntnisgegenstand nicht einfach da ist, sondern in der gemeinsamen Arbeit erzeugt wird. Das ist ein sehr aufwendiger, langwieriger Prozess, der nicht per definiertem "Lernziel" angewiesen werden kann. Seit den 1970er-Jahren haben Laborstudien selbst für den Bereich der "harten" experimentellen Wissenschaften gezeigt, wie viel nebenbei in informellen Kontakten geschieht. Für die Geisteswissenschaften gab der große Berliner Literaturwissenschaftler Wilhelm Scherer einen wichtigen Hinweis. Er meinte 1884, Seminare hätten "einen ähnlichen Vortheil für die philologischen und historischen Wissenschaften wie die Laboratorien für die Naturwissenschaften". Scherer spielte damit auf die fundamentale Bedeutung kontinuierlicher und regelmäßiger Zusammenarbeit in der "Gegenwart" von unterschiedlichen Personen an. Denn weder die Programme der Natur- noch die der Geisteswissenschaften können fixieren, wie man in der Praxis angemessen mit Wissen umgeht.

Daher lässt sich nur im unmittelbaren, schnellen und vor allem kontinuierlichen Kontakt verstehen, was es heißt, "bei der Sache zu bleiben". Dies mag in kleinen Gruppen besser als in einem überfüllten Seminar gelingen. Daher sollte die Politik lieber für genügend Dozentenstellen sorgen, als den Seminarbetrieb infrage zu stellen. Aber selbst in großen Lehrveranstaltungen wird beiläufig ein unerlässliches Gespür dafür vermittelt, was relevant und was irrelevant ist, wo es sich nachzuhaken lohnt, wie man mit der stets übergroßen Fülle an Informationen sinnvoll hantiert. In der Wissenschaftstheorie spricht man nicht umsonst von "schweigendem Wissen" und weist damit auf Kompetenzen hin, die im Umgang miteinander erworben werden. So entstehen infolge des Seminars in der Einsamkeit des Schreibtischs Hausarbeiten, die sich zwar auch auf den zuvor behandelten Stoff beziehen, die jedoch vor allem von der gemeinsam gemachten Erfahrung zeugen, was eine fruchtbare Fragestellung ist und wie man sie richtig anwendet. Solche kulturellen Entwicklungen, das hat die Verhaltensforschung gezeigt, vollziehen sich zunächst in "Szenen geteilter Aufmerksamkeit" (Michael Tomasello).

Noch einmal: Es ist nicht zu bestreiten, dass der Verzicht auf Anwesenheitspflicht für Studierende, denen die regelmäßige Teilnahme an Veranstaltungen Probleme bereitet, einiges erleichtert. Auch dass das Selbststudium seine ganz eigenen Vorteile hat, liegt auf der Hand. Aber man muss daran zweifeln, dass Abwesenheit keinen Einfluss auf die Qualität jener Lerneffekte hat, die Universitäten erzielen wollen. Die Gegner der Anwesenheitspflicht verwenden eine rhetorische Grundfigur, die die Debatten um die Universitätsreformen der letzten fünfzehn Jahre immer wieder geprägt hat: Man geht davon aus, dass Beschleunigung, Kapitalisierung, Internationalisierung oder eben Flexibilisierung von Ausbildungsverhältnissen eine bessere Universität erzeugen. Aus der Innenperspektive der Wissenschaft entsteht jedoch keine bessere, sondern eine andere Universität, weil unter den neuen Rahmenbedingungen nicht einfach dieselben Ziele erreicht werden können wie zuvor. Man mag diese Veränderung gutheißen, aber wenn man dies tut, sollte man die fundamentalen Konsequenzen reflektieren, um nicht später wie von einem Naturphänomen überrascht zu werden. Dies gilt vor allem dann, wenn man exzellent in der Lehre sein möchte.

Steffen Martus ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2015 bekam er den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis. Zuletzt erschien von ihm "Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert" (Rowohlt).