Bildung O tempora, o mores!

Konrad Paul Liessmann beklagt in der Essaysammlung die Schwierigkeiten, in welche Schulen und Universitäten geraten sind.

(Foto: imago/Rudolf Gigler)

Konrad Paul Liessmann will die europäische Bildung retten. Ist die wirklich so gefährdet - und rettenswert?

Von Andrea Gnam

Man möchte ja zunächst gerne der kämpferischen Parole zustimmen, wenn man wie der Autor in den Fünfzigerjahren geboren ist und an Universitäten im Bereich der Geisteswissenschaften unterrichtet: "Bildung als Provokation!". Konrad Paul Liessmann beklagt in der Essaysammlung, die er so betitelt, treffsicher die Schwierigkeiten, in welche die bis zur Karikatur ihrer selbst reformierten Schulen und Universitäten geraten sind. In einem Sammelsurium von Kompetenzen, die es laut Lehrplänen schon für die Kleinsten zu vermitteln gilt, ist kein Platz mehr für die Kunst der Bildung, gerade weil der Begriff ständig als Allheilmittel für alle möglichen gesellschaftlichen Probleme aus der Tasche gezogen wird.

Die Anforderungen, klagt Liessmann, sind überaus widersprüchlich: Einerseits darf keiner benachteiligt werden und Defizite aufgrund unterschiedlicher sozialer Voraussetzungen sollen frühzeitig ausgeglichen werden. Jeder soll sich entsprechend seinen Neigungen entfalten können. Andererseits herrsche krude Ökonomisierung der Bildungsinhalte. Hier werde alles über einen Kamm geschoren, solange man damit die entsprechenden, gerade als nützlich erachteten Kompetenzen erwerben könne. Diese wiederum sind vage und weit davon entfernt, etwas in demjenigen, der liest, in Muße zum Klingen zu bringen, etwas das zur allmählichen Ausbildung der eigenen Persönlichkeit beitragen kann. Und der "Gebildete" selbst sei aus dem Wortschatz verschwunden. So weit, so offensichtlich - und nicht das erste Mal von Liessmann beanstandet.

Aber schließlich stellt sich doch ein Unbehagen an der mitunter schnoddrigen Klagelitanei ein. Man beginnt sich zu fragen, ob zu den Zeiten, als man noch auf einen halbwegs verbindlichen Kanon an literarischen Werken und geschichtlichem Wissen zurückgreifen konnte, tatsächlich alles zum Besseren stand. Der Autor, dem selbst das Thema seines Abituraufsatzes noch gegenwärtig ist, müsste sich doch auch an die Pädagogen erinnern, die nicht selten antike und klassische Texte nutzten, um das eigene militaristische, idealistisch verstiegene oder misanthrope Weltbild absolut zu setzen. Mitunter vergingen Jahrzehnte, ehe man sich soweit vom Unterricht erholt hatte, dass man die Klassiker wieder freiwillig hervorzog. Aber immerhin, man wusste, dass es sie gab.

Ein tragfähiges Bewusstsein für Europa, so Liessmann, beruhe auch auf einem Fundus an Texten und Epen, mythischen Figuren und Stoffen, die für den gemeinsamen Kulturraum prägend waren. Betrachte man Europa als ästhetische Angelegenheit, so wäre es der Kontinent der großen Erzählungen, die aufgegriffen und transformiert wurden. Aber gab es nicht die historischen Brüche, das Versagen der Erzählungen als Integrationsmoment oder gar als Schutz vor Barbarei?

Das Konzert der europäischen Mächte mündete in Militärmusik

Stattdessen ist bei Liessmann im Hinblick auf Europa wieder die Rede von einer Art Konzert, das selbst bei Dissonanzen einem formenden Prinzip gehorche und, auch wenn er das statische Moment daran kritisiert, von der Architektur eines Hauses, das ein stabiles Fundament und eine Tür benötige. Einfache Metaphern zu finden, die bis heute berühren, das gelang den antiken Texten. Mit seiner Rede vom Haus oder vom wohlklingenden Konzert greift Liessmann bei seiner Betrachtung Europas jedoch zu kurz. Das Konzert der europäischen Mächte mündete in Militärmusik, Häuser haben sich zur europäischen Stadt verbunden, allein die deutschsprachige Literatur enthält zu den Häusern differenzierte und nicht allzu idyllische Bilder.

Und die Wirkungsmächtigkeit der Kunst als Bilderreservoir und europäisches Bildungsmoment - wurden und werden nicht gerade auch hier mythische Stoffe transportiert und ins Bild gesetzt? - bleibt bis auf einen Hinweis auf Rilkes Gedicht über den archaischen Torso Apollos ("Du musst Dein Leben ändern.") in althergebrachter philosophischer Abwehr außen vor. Und im Essay zum Lob der Hände klingen die Passagen über frühe Kunst wie ein Nachhall der mitunter bornierten Bildungsvorstellungen des alten Gymnasiums.

Aber wie kommt man darauf bei einem Essay zur Selbsterkenntnis, Narziss als denjenigen vorzustellen, der das erste Selfie machte, auch wenn solche anachronistischen Schnellschlüsse gerade Mode sein mögen? Die Schönheit der Ovid'schen "Metamorphosen", das Interesse für die Feinheit ihrer Sprache und Gedanken werden sich auf diese Weise wohl nicht erschließen. Aber kommen wir auf den Bürger und seine Kulturaffinität zu sprechen, die von der nüchternen Ausrichtung auf globalisierte marktwirtschaftliche Erfordernisse dabei ist, hinweggefegt zu werden. Hier hält Liessmann eine Bildungsvergangenheit hoch, indem er ausgerechnet die ökonomische Seite ausklammert. Das Bürgertum förderte die Schönen Künste, aber der Reichtum im Handel fußte häufig auf dem Kolonialismus, ohne den viele große Vermögen nicht zustande gekommen wären.

Konrad Paul Liessmann: Bildung als Provokation. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 2017. 238 Seiten, 22 Euro. E-Book 16,99 Euro.