Von Lothar Müller

Was Schüler lernen, ohne es zu wissen: der "heimliche Lehrplan", Hiphop statt Sonett, und das ewige Gejammer vom "Unkraut" der Unbildung.

Zu den ältesten Vergleichsfiguren des modernen Pädagogen gehört seit Jean Jacques Rousseau der Gärtner. Im deutschen Bildungsdiskurs seit dem 18. Jahrhundert begegnet man ihm auf Schritt und Tritt, ob jemand von Pflanzschulen der höheren geistigen Bildung träumt oder ein anderer die Kunst erläutert, die Veredelung von Naturgewächsen durch das kunstvoll-behutsame Pfropfreiser-Setzen auf den Umgang mit ungebärdig-wilden Zöglingen zu übertragen. Unter der Vielzahl von Analogien, die diese Verschmelzung von Gärtnerei und Bildungswesen befördern, ist eine von herausgehobener Bedeutung: die von Unkraut und Unbildung.

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Street Smartness: Hinter Baggy Pants versteckt sich nicht automatisch Unbildung. (© Foto: oH)

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Dies nicht schon deshalb, weil der Pädagoge in seinen Pflanzschulen die Unbildung zurückschneiden, ja womöglich ausrotten will wie der Gärtner. Sondern zugleich und vor allem, weil erst durch die Entfaltung der Bildungsziele, auf die hin er arbeitet, definiert wird, worin Unbildung besteht.

Der ökologische Gemeinplatz, demzufolge es in der Natur kein Unkraut gibt (sondern nur Kraut), hebt dieses relative, perspektivische Element im Begriff "Unkraut" hervor. Er will damit die Frage provozieren: Was ist das Unkraut noch, außer dass es Unkraut ist?

Ein ähnlicher Effekt stellt sich ein, wenn man die Bildung, für die ein Pädagoge plädiert, vor allem als Definition dessen betrachtet, was Unbildung heißen soll. Dann lautet die Frage: Was ist die Unbildung noch, außer dass sie ein Mangel an Bildung ist?

Der Soziologe Heinz Bude hat kürzlich in seinem Buch "Die Ausgeschlossenen" (2008) diese Frage im Blick auf ein Schreckgespenst aller PISA-Diskussionen, auf die "ausbildungsmüden Jugendlichen" gestellt. Er fand sie bei näherer Betrachtung nur auf der Vorderbühne, in ihrem Verhältnis zu den offiziellen Bildungsinstitutionen "müde". Auf der Hinterbühne ihrer Peer-Group-Welt attestierte er ihnen Schnelligkeit, Wendigkeit, rasche Auffassungsgabe, Fähigkeiten des taktischen sozialen Maskenspiels, dies alles aber vermischt mit Elementen eines "funktionalen Analphabetismus".

Kurz, Bude bestreitet nicht die in den PISA-Studien konstatierten Bildungsdefizite. Er bestreitet lediglich die Haupttendenz der aktuellen bildungspolitischen Diskussion: Figuren der "Bildungsferne" ausschließlich als Mängelwesen wahrzunehmen, statt als komplexe Mischwesen, die sowohl aus Nicht-Können wie aus Können bestehen.

Wonach Bude sucht, das hat der amerikanische Literaturwissenschaftler Gerald Graff vor einigen Jahren in einem sehr erfolgreichen Aufsatz als Phänomen des "Hidden Intellectualism" in der Zeitschrift Pedagogy beschrieben: das Zirkulieren intellektueller Energien und Fertigkeiten in Sphären, wo man sie nicht vermutet.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, was man auf der Straße lernt.

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