Bilder im digitalen Zeitalter Abgeschossen

Aus der eigenen Hand geschossene Selbstporträts: Beim Selfie macht das Opfer die Arbeit selbst.

Halbwüchsige mailen wie wild Selfies herum, Frauen wehren sich auf Revenge Porn gegen im Web kursierende freizügige Bilder von ihnen und Hugh Grant fungiert als Mona Lisa der Mugshots. Neue digitale Bildformate zerstören unseren Ruf, setzen ganze Existenzen aufs Spiel. Das Phänomen ist nicht neu. Aber Wegschauen hilft nicht.

Von Peter Richter, New York

Marianna Taschinger aus einer kleinen Stadt in Texas war gerade einmal 18, als ihr Boyfriend aus der Highschool sie um zwei Dinge bat. Erstens, dass sie ihn heiratet, er hatte auch schon einen Verlobungsring für sie. Zweitens, dass sie ihm Nacktfotos schickt. Nur zum privaten Gebrauch, versteht sich, und als Zeichen des Vertrauens - denn, wenn sie ihm nicht vertraue, dann bräuchten sie auch nicht heiraten, oder?

Das sah Ms. Taschinger ein. Leider.

Natürlich ging die Sache kurz darauf dann doch in die Brüche, und natürlich standen ihre entblößten Brüste schon wenig später zur Ansicht im Internet frei. Die Webseite Texxxan.com hatte sich auf die von erbosten Ex-Freunden eingelieferten Nacktbildern von jungen Frauen aus der Region spezialisiert - mit den Angaben zu Identität und Wohnort der Abgebildeten als besonderem Clou. Marianna Taschinger musste ihren Job aufgeben, sie wurde von einem Stalker verfolgt und ist inzwischen in Amerika eine Symbolfigur für ein Phänomen, das unter dem Namen "Revenge Porn" gerade Rechtsgeschichte schreibt. Sie hat also geklagt, und die Webseite ist mittlerweile geschlossen.

Dafür gibt es aber immer noch tausend ähnliche, und allmählich beginnen die Betroffenen den Kampf dagegen aufzunehmen. Gerade hat Kalifornien ein noch recht löchriges Gesetz gegen das Veröffentlichen von Nacktbildern gegen den Willen der Abgebildeten erlassen. In New Jersey, New York und anderen Staaten wird Ähnliches diskutiert, weil die Zahl der Frauen offensichtlich dramatisch steigt, die sich durch solche Bilder ihrer Reputation und infolge dessen ihrer Freundeskreise, Jobs, Ausbildungschancen und so weiter beraubt sehen. Gerade im ländlichen Raum oder in Kleinstädten stehen wegen eines freizügigen Bildes schnell einmal ganze Existenzen auf dem Spiel.

Die Diskussionen darüber folgen den üblichen Bahnen: das heilige First Amendment (Schutz der Presse- und der Meinungsfreiheit) vs. Verteidigung von Persönlichkeitsrechten; Ende aller Privatsphären durch das Internet vs. Doofheit derjenigen, die schon auch selber schuld seien an dem Ärger, den sie sich da eingehandelt haben...

Was meistens übersehen wird dabei: dass dieses Phänomen nicht nur beunruhigend neu ist - sondern gleichzeitig auch beunruhigend alt und archaisch.

Ein Verlobungsring gegen sehr persönliche Bilder - das ist immerhin die Art von Tausch- und Versicherungsgeschäft, für die Bilder lange Zeit in erster Linie überhaupt hergestellt wurden. In dem Bildgebrauch, der sich den neuen technologischen Gegebenheiten Digitalkamera, Smartphone und Internet verdankt, scheinen jedenfalls immer wieder auch Erinnerungen an den der frühen Neuzeit auf: All die sogenannten Verlöbnis- und Hochzeitsbilder - von denen Rubens' "Geißblattlaube" und Jan van Eycks "Arnolfini-Hochzeit" nur die jeweils bekanntesten sind - hatten wohl auch schon durchaus juristische Funktionen als Garanten von Verbindlichkeit; und Einzelporträts wurden jedenfalls im höfischen Bereich vor allem zu dem Zweck geschaffen, um herumgereicht und ausgetauscht zu werden, nicht zuletzt zur Anbahnung von Ehen.

Signifikantester Unterschied dabei: Bei Bildnissen von Damen wurde eher deren Tugendhaftigkeit betont, selbst da, wo das Augenmerk subtil auf sexuelle Aspekte gelenkt wird. Die Akt- und Sexbilder von Ex-Freundinnen, die heute auf Revenge-Porn-Seiten auftauchen, sind dagegen bestenfalls ein Mittel der Erpressung, wenn sie nicht von vornherein schon zum Zweck der Veröffentlichung entstanden sind. Sie dienen buchstäblich dem, was sie bildlich vorführen: der öffentlichen Bloßstellung.

Ein Bildnisgebrauch, der auf die Zerstörung der Reputation zielt, hat aber ebenfalls eher mittelalterliche Vorläufer: den Pranger und die executio in effigie. Tatsächlich wurden bis hinein ins aufgeklärte 19. Jahrhundert Exekutionen von Abwesenden stellvertretend an deren Bildnissen vollstreckt. Und wie virulent die Ehrbegriffe, um die es dabei geht, selbst heute noch sind, erfahren ja jetzt diejenigen am eigenen Leib, deren Chefs, Vermieter und Verwandte kompromittierende Bilder unter die Augen bekommen.