Auch im Fall von Staatsfeind-Toten kommen Medien weiterhin ohne Bilder aus: So ist auch die Nachricht vom Tod des Terroristen Osama bin Laden nicht von Bildern des Toten flankiert worden - zugegebenermaßen, weil es keine gab. Trotzdem vermeldeten die Medien die Nachricht vom Tod Osamas.
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Unsere hochtechnisierte, überinformierte Gesellschaft lechzt geradezu hysterisch nach Bildkitzel, nach immer drastischerer Augenkost, um ihre Aufmerksamkeit wenigstens kurzfristig fokussieren zu können. Soll man sich dieser Hysterie beugen und sie bedienen, da sie nichts befördert oder hervorbringt, sondern nur sich selber will?
Was also steckt an Informations-Mehrwert in den Toten-Bildern von Gaddafi, wenn man außerdem noch festhalten muss, dass diese zweimal medial gebrochen sind: Zeitungen, die das Bild des Getöteten heute druckten, veröffentlichten Screenshots aus Videoaufnahmen, also Bilder von Bildern. Die sind zwar drastisch, aber sonst wenig aussagekräftig. Dies ist eigentlich die Veröffentlichung von Gerücht, keine Dokumentation. Man erfährt nichts über die Umstände, die zum Tod des Diktators führten, man sieht lediglich den blutverschmierten Kopf und Körper als Resultat von unbekannten Aktionen.
Diese Bilder belegen nichts außer den Tod. Bilder haben in unserer Zivilisation eine solch immense Verführungs- und Suggestivkraft erlangt, dass wir gleichzeitig danach lechzen wie davor zurückschrecken: Wir verharmlosen sie als Bilder, um sich ihrer aggressiven Macht entledigen zu können, oder wir dämonisieren sie. Beides, weil man ihnen eben alles und nichts zutraut.
Die Redaktionen von Süddeutsche Zeitung und sueddeutsche.de haben darum entschieden, die Bilder des getöteten ehemaligen libyschen Despoten Muammar al-Gaddafi nicht zu zeigen. Weder als Screenshots, die unmittelbar aus den veröffentlichten Videos genommen werden könnten, noch mittelbar als Fotografien von Publikationen, die diese Bilder veröffentlicht haben.
Wir begründen die Entscheidung damit, dass die Würde eines Toten und das, was man in Zivilisationen Pietät nennt, von den Redaktionen geachtet und respektiert werden muss. Selbst dann, wenn es sich bei diesen Bildern um Aufnahmen eines toten Diktators handelt, der sich selber zu seinen Lebzeiten wenig um diese Würde geschert hat.
Die Redaktion steht auch auf dem Standpunkt, dass nicht alles gezeigt werden muss, was gezeigt werden könnte, nur, weil es da ist. Das gilt immer und bestimmt selbstverständlich auch die alltägliche Praxis: An jedem Tag liefern Agenturen und zunehmend auch Internetquellen Bildmaterial, das nach Maßstäben unseres ethischen und ästhetischen Empfindens nicht geeignet ist, publiziert zu werden.
Durch die Nicht-Veröffentlichung von Bildern, die von vielen Menschen zu Recht als anstößig empfunden werden können, entledigen wir uns nicht unserer Informationspflicht. Denn wir berichten. Wir fragen uns aber, welchen Informationsgehalt eines dieser Bilder enthält, der über den hinausgeht, den man in einem Text wiedergeben kann.
Die Bilder des getöteten Gaddafi transportieren nichts außer einer furchtbar zugerichteten Leiche. Und man muss sie nicht sehen, um zu erfahren, dass an diesem Mann nicht das Urteil eines ordentlichen Gerichts vollstreckt wurde. Das kann man genau so aufschreiben und kommentieren.
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(sueddeutsche.de/bön)
Wettmanipulation im Fußball
Wenn Ihnen die Würde von Toten und die Pietät so wichtig sind,
daß Sie keine Bilder von Toten zeigen möchten, dann dürfen Sie auch
keine Bilder von den Toten vor den Abwasserrohren zeigen.
Das waren ebenso Menschen wie Gaddafi und auch sie haben ein
Recht auf Würde und Pietät.
Es stößt mir äusserst sauer auf, daß hier die Würde von Herrscher und Volk mit zweierlei Maß gemessen wird. Diese Unterscheidung in Über- und Unter-mensch ... sollte Vergangenheit sein.
In dem Beitrag "Bilder des getöteten Gaddafi - Ein Screenshot hat
keine Würde" schreiben sie u.a. "Wir leben zuerst in ikonographischen, nicht mehr primär in intellektuellen Zeiten." Genau, weil Bilder ersetzen keine journalistische Recherche; dafür gibt es andere 'Blätter' wie 'Bild'.
Aber warum gibt es seit neuestem auf sueddeutsche.de einen riesigen Platz für 'Bilder' und 'Videos'? Müssen wir uns als Leser von
sueddeutsche.de - und evtl. auch der Süddeutschen Zeitung - darauf
einstellen, Nachrichten und Berichte bald als Bilderserien im Stile
von Comics serviert zu bekommen? Mir wäre eine traditionelle, journalistische - meinetwegen auch intelektuelle - Berichterstattung lieber ...
Verständnislos ob der Diskrepanz,
Hans Dietmar Jäger
Nein, derartigen Sensationsjournalismus muß man nicht huldigen. Das überlasst mal lieber die Kollegen von der "Journalie". Vielleicht lernt die SZ daraus, daß man nicht immer dem "Trend" folgen sollte.
Journalismus ist eben nicht immer gleich.
Diese Diskussion, die Sie da führen wollen um die Hygiene, Moralität und Intellektualität im Umgang mit Bildern, ist schief, verlogen und unpassend: die SZ hat Fotos des toten Che Guevara gezeigt, die übrigens gar nicht so viel anders aussehen als die des toten Muammar Gaddafi. Sie enthalten sich hier vielmehr einer Publikation, weil andere Medien in epischer Breite publizieren, auch wenn Sie dies abstreiten wollen. Angenommen, die SZ hätte das Bild eines toten Osama oder Gaddafi exklusiv - dann würden sie veröffentlichen, dessen bin ich mir sicher, weil es zum Journalistischen Betrieb gehören würde. Mit dieser Ihrer hier dokumentierten Haltung wäre das Barschel-Foto nicht veröffentlicht worden, das erst den ganzen Skandal zur restlosen Aufklärung trieb. Das Foto des toten US-Soldaten, der durch Somalia geschleift wurde, wäre auch nicht gezeigt worden, obwohl erst diese Bilder den Abzug der Amerikaner aus diesem Land eingeleitet haben. Ihre Haltung ist pharisäerhaft, wenn Sie argumentieren, wie Sie argumentieren. Hätten Sie schlicht und einfach gesagt: wir wollen unseren Lesern diese Bilder nicht "zumuten", würden Sie hier keinen Widerspruch ernten. Aber dies journalistisch begründen zu wollen, damit verfehlen Sie schlichtweg Ihr Handwerk.
Die Entscheidung die Bilder nicht zu zeigen ist sehr richtig und wichtig. Jede seriöse Zeitung dieser Welt (z.B. New York Times) hat so entschieden. Ich weiss warum ich SZ Leser bin und finde es entscheidend, sich von dem Schund (z.B. Bild), der in unserem Land kursiert und leider die öffentliche Meinung massgeblich beeinflusst, deutlich zu distanzieren.
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