Bilder des getöteten Gaddafi Ein Screenshot hat keine Würde

Wie umgehen mit den Bildern des getöteten libyschen Diktators Gaddafi? Sind sie historische Dokumente, die belegen, dass eine Tyrannei endlich zu Ende gegangen ist - oder bedienen sie nur den archaischen Wunsch nach einer Trophäe? Die Würde eines Toten sollte geachtet und respektiert werden - selbst dann, wenn es sich bei diesen Bildern um Aufnahmen eines toten Diktators handelt, der sich selber zu seinen Lebzeiten wenig um diese Würde geschert hat.

Ein Kommentar von Bernd Graff

An der Echtheit von Bildern kann immer gezweifelt werden. Das Bild eines Toten zeigt vielleicht gar keinen Toten, einen anderen Toten oder einen aus der Photoshop-Retorte.

Gaddafis letztes Versteck

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Diese Authentitätszweifel sind Reflexe in Nachrichten-Redaktionen. Sie sind zu Recht erst einmal zurückhaltend, wenn es darum geht, ein Bild gleich als das zu nehmen, was es angeblich darstellen soll. Das Bild des toten Osama bin Laden, das kurz nach der Stürmung seines letzten Rückzugsortes kursierte, war eben kein Abbild des toten Terroristen, sondern eine Photoshop-Fälschung. Insofern reagieren Redaktionen immer vorsichtig und veröffentlichen solche Bilder erst einmal nicht.

Dann aber - und dies ist tatsächlich erst einmal nur eine Frage der Zeit - erhärtet sich, dass das eben noch in seiner Echtheit angezweifelte Bild wirklich den Toten zeigt, den es ausweist. So war es gestern beim Bild des mutmaßlich gelynchten libyschen Despoten Muammar al-Gaddafi: Recht bald war klar, dass die von den Agenturen geschickten Bilder die Leiche des Mannes abbildeten, der Libyen 42 Jahre lang als Tyrann regierte.

Wie geht man nun als Redaktion mit publizistischem Auftrag mit diesen Bildern um? Zeigt man sie, zeigt man sie nicht?

Scheußliche Realität

Auf diese Frage gibt es von Fall zu Fall unterschiedliche, jeweils sehr abgewogene und darum auch nachvollziehbare Antworten. Diejenigen, die für das Veröffentlichen dieser Bilder plädieren, argumentieren, die Bilder seien sofort historische Dokumente, die belegen, dass eine Tyrannei endlich zuende gegangen ist. Sie sagen auch, die Bilder könnten befreiend für die Opfer sein, die unter dem Tyrannen zu leiden hatten. Schließlich: Die Bilder dokumentieren Realität, und ob man die Realität nun schön oder scheußlich findet, tut nichts zur Sache.

Und wenn man sich als Redaktion journalistischer Aufklärung verpflichtet hat, dann sei es eben auch eine verdammte Pflicht, journalistisch aufzuklären über den Zustand der Welt. Denn es stimmt natürlich: Die Bilder belegen, wie mit dem gefassten Despoten verfahren wurde, dessen man wohl offenbar lebend habhaft wurde. Und den man dann tötete, anstatt ihn vor ein ordentliches Gericht zu stellen.

Das Abbilden, die Zurschaustellung von Toten, so ein weiteres Argument von Veröffentlichungsbefürwortern, unterbinde auch jeden Spuk und Mythos: An der Unumkehrbarkeit des Todes sei nun kein Zweifel mehr möglich. Auch das sei Aufklärung im besten Sinne.

So etwa lauten die Argumente der Befürworter. Die dann auch ergänzen, dass das Bild ja ohnehin in der Welt sei, sich sofort ins kollektive Gedächtnis eingebrannt habe und in Erinnerung gerufen wird, sobald jemand über das Ende Gaddafis spreche.

Paranoia, sobald der Bildbeweis fehlt

Eben, sagen dann die Veröffentlichungs-Verweigerer, zu denen auch die Süddeutsche Zeitung und sueddeutsche.de zählen. Weil die Bilder in der Welt sind, weil sie jetzt schon nahezu jeder kennt, muss nicht jedes Medium sie auch noch zeigen. Dabei geht es nicht darum, sich nicht die Finger an der Wirklichkeit schmutzig machen zu wollen. Auch die Verweigerer sehen ihren publizistischen Aufklärungs-Auftrag und erkennen ihn an.

Wir, sie argumentieren zum einen, dass man in den westlich-zivilisierten Hochkulturen aus Pietäts-Gründen keine Bilder von Toten zeigt, und seien es die von Tyrannen. Der archaische Wunsch nach einer Trophäe - wie etwa schon dem nach dem Haupt des Johannes - rechtfertigt keinesfalls, dass die Totenwürde verletzt werde, und sei es die eines erklärten, nun vernichteten Feindes.

Die Bilder des toten Gaddafi sind schockierend und selber verletzend. Dagegen hilft auch nicht das Warnschild auf manchen Nachrichten-Webseiten, das vor die dort veröffentlichten Bilder des toten Gaddafi geschaltet wird.

Außerdem, und dies ist ein weiteres Argument gegen die Veröffentlichung: Man veröffentliche doch nur, weil es die Bilder gebe. Das klingt redundanter, als es ist. Denn Bilder sind im Informationszeitalter nicht mehr einfach nur begleitende Belege für Text. Vielmehr behaupten sich Bilder immer mehr, sie brennen sich ein. Tatsächlich gab es etwa in dieser Woche Bilder eines drastischen Verkehrsunfalls in China, der nur deswegen in die Medien fand, weil es eben diese Bilder gab. All die anderen drastischen Verkehrsunfälle, die sich seitdem wohl auch ereignet haben dürften, finden auch jetzt keine Beachtung.

Das Argument lautet zusammengefasst also: Wir leben zuerst in ikonographischen, nicht mehr primär in intellektuellen Zeiten. Was da also bedient wird, ist nicht Aufklärung, sondern Archaik.