Bildband Nach oben offen

Ben Willkens hat für den Neubau des Museums der bildenden Kunst in Leipzig ein großes Deckengemälde geschaffen, ein Bildband begleitet den Enstehungsprozess.

Von Gottfried Knapp

Als im Dezember 2004 der Neubau des Museums der bildenden Künste in Leipzig eingeweiht wurde, hat der vom Berliner Architekturbüro Hufnagel, Pütz, Rafaelian entworfene 36 Meter hohe Betonwürfel nicht nur Wohlgefallen erregt. Die jeweils über mehrere Geschosse sich erstreckenden Hohlräume, die sich von den Ecken her quasi zweckfrei in den Block hineinschieben - man nennt sie euphemistisch "Höfe" -, haben auf allen Stockwerken die Rundgänge durch die Ausstellungsräume so unsanft unterbrochen, dass es selbst für Besucher, die Grundrisspläne aller Geschosse in den Händen hielten und eines der versteckten Treppenhäuser aufgespürt hatten, schwierig war, sich im Gebäude zu orientieren.

Besonders der in der Südostecke des Museums vom Erdgeschoss aus 17 Meter in die Höhe schießende "Hof 3" - ein Hohlraum von 31 Metern Länge und 14 Metern Breite, also so groß wie anderthalb Tennisplätze - gab den Besuchern, die an einem der verloren herumstehenden Tische des Museumscafés Platz genommen hatten, das Gefühl, dass hier Raum verschwendet wurde, eine der Größe entsprechende räumliche Wirkung aber nicht erzielt worden ist. Kunstobjekte aus den Sammlungen schrumpften an den überhohen Wänden zu Miniaturen zusammen, und Plastisches verkümmerte auf der schier endlosen Leerfläche zu Kehricht. Allenfalls ein Bildwerk, das eine ganze Wand oder die ganze Decke überspannte, war imstande, dem mächtigen Vakuum eine Dimension, ja etwas wie Halt zu geben.

So kann man es als Glücksfall empfinden, dass es jenen Maler irgendwann in seine Heimatstadt zurückgezogen hat, der in seinem Leben schon zahlreiche raumbeherrschende Wand- oder Deckenbilder geschaffen hat. Ben Willikens ist 1939 in Leipzig geboren. Er hat die Bombardierung und den Brand der Stadt im Dezember 1943 als schweres Trauma erlebt und die Stadt seither ängstlich gemieden. Dass er nun, so viele Jahre später, als Künstler zurückkehren und mit seinen spezifischen bildnerischen Mitteln etwas Belebendes für seine Heimatstadt tun konnte, dürfte für ihn wie eine Erlösung gewesen sein.

Ben Willikens hat schon in den frühen Siebzigerjahren die uralte Methode der perspektivischen Raumansicht zu einer illusionistischen Verblüffungskunst weiterentwickelt und sich so ein Medium geschaffen, in dem er als Maler sowohl auf bestehende historische Räume reagieren, als auch Fantasiearchitekturen erfinden konnte. An Wänden angebracht eröffnen seine meist in kühlen Grauwerten gehaltenen, stets menschenleeren Gemälde den Blick in kulissenartig gestaffelte Real- oder Rätselarchitekturen und auf einzelne plastische Elemente, die den erschlossenen Tiefenraum rhythmisieren. Der neue Vorhang im Münchner Prinzregententheater ist ein schönes Beispiel dafür. In Deckenbildern aber lässt der Maler Architekturelemente von den Seiten aus so emporschießen, dass der Raum, wie in den Fresken des Barocks, illusionistisch in die Höhe geweitet wird.

Schon bei seinem ersten Besuch im Museum der bildenden Künste hat Willikens darüber nachgedacht, wie die 462 Quadratmeter große Decke im Caféhof belebt werden könnte. Als dann durch den schwäbischen Sammler und Museumsstifter Siegfried Weishaupt die Finanzierung gesichert war, stellte Willikens aus seinem Werkkatalog passende Motive zusammen und kombinierte sie zu einer ganz persönlichen Hommage an seine Heimatstadt, zum "Leipziger Firmament". Die Entstehung dieses Deckengemäldes ist in einem opulent ausgestatteten Bildband dokumentiert (Ben Willikens: Leipziger Firmament. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2015. 254 Seiten, 123 Abb., 39 Euro).

Die vier hochstrebenden Außenwände der Halle werden an der Decke durch gemalte Wandelemente illusionistisch nach oben verlängert. Die Öffnungen in diesen Architekturen lassen Seitenräume von fantastischer Zwecklosigkeit erahnen. Im offenen Himmel aber - er suggeriert Schwerelosigkeit - laufen alle angedeuteten perspektivischen Linien an jenem zentralen Punkt zusammen, an dem ein Stern zu leuchten begonnen hat. Die riesige Kiste, die von den Architekten in den Museumswürfel hineingestellt wurde, öffnet sich jetzt also in den Himmel hinein. Endlich lohnt es sich, nach oben zu blicken.