Von Hans-Jürgen Jakobs

Aufregung bei Deutschlands größter Boulevardzeitung: Die Bild-Gruppe soll von Hamburg nach Berlin umziehen. Der genannte Termin - 3. Oktober - dürfte kaum zu halten sein.

Am Mittwochmorgen weilte er noch beim Vorstandschef in Berlin, am frühen Abend dann erzählte Chefredakteur Claus Strunz seiner Mannschaft in Hamburg, warum sie bald in die Hauptstadt ziehen werde. Tenor: Es gibt noch keinen Beschluss. Aber ja, man werde umziehen. Und nein, übers Knie gebrochen wird nichts. Ob das die Journalisten von Bild am Sonntag beruhigt?

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Die Stimmung in der Bild-Gruppe zu Hamburg schlägt hoch, nachdem die Redakteure aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erfahren durften, dass sie und ihre Familien bald einen anderen Lebensmittelpunkt haben. Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hatte da per Interview den anstehenden Berlin-Umzug erklärt: "Als größte Zeitung Deutschlands müssen wir uns der Rolle Berlins stellen." Das sei der Wunsch der Redaktion, die auch ganz im Sinne von Springer-Chef Mathias Döpfner handele.

Es gehe "nicht um Rationalisierung und Restrukturierung", sagte Springer-Sprecherin Edda Fels. Betroffen seien 700 Mitarbeiter, die Bild-Zeitschriften (zum Beispiel Bild der Frau und Sportbild) blieben in Hamburg. Angeblich sei auch nicht geplant, das bald nicht mehr so gut belegte Verlagshaus in Hamburg - ein Ort voller Tradition - zu verkaufen.

Tatsächlich hat Springer in den letzten Jahren immer wieder durch Sondereffekte, also außerordentliche Erträge, die Bilanz aufgehübscht. Kein Geheimnis ist auch, dass die vor einigen Jahren für 340 Millionen Euro neu gebaute Zentrale am Hauptsitz in Berlin nicht besonders ausgelastet ist. Da gibt es viel Platz für die Kollegen von Bild. Wenn die Verlagsabteilungen des Boulevardblatts mit umziehen sollten, dürfte es sich um mehr als 1000 Mitarbeiter handeln, sagt ein Redakteur.

Als kaum zu schaffen gilt, was Diekmann nun als Wunsch-Umzugstermin nannte: den 3. Oktober. Da müssten schon alle Gesetze der Logistik auf den Kopf gestellt werden; unabhängig davon erscheint es fraglich, ob die Familienväter in der Bild-Redaktion innerhalb so kurzer Zeit mit Kind und Kegel umziehen können. Der Betriebsrat will das Schlimmste verhindern, viele Redakteure sind düpiert: Brass am Balken, dem Produktionstisch von Bild.

Im Umfeld des Verlags gilt Diekmann als jemand, der einst dem Umzugsprojekt skeptisch gegenüber gestanden habe, sich dann aber nach Döpfners Richtungsentscheidung an die Spitze gestellt habe. Diekmann stellt dies anders da.

Innerhalb von zwei, drei Wochen soll der Vorstand des Axel Springer Verlages nun offiziell die Umzugsidee prüfen - und gegebenenfalls die Sache beschließen. Während die Gewerkschaft dju vor einer Schwächung des Standorts Hamburg warnt, erklärt Wolfgang Richtberg, seit Januar 2006 Medienkoordinator des hanseatischen Senats, man sei noch in Gesprächen mit dem Haus Springer. Wenn ein Umzug redaktionell begündet wäre, könnte man fast nichts machen. "Bei den heutigen technischen Möglichkeiten", so Richtberg, "ist es egal, wo eine Redaktion sitzt."

Tatsächlich hat die Medienstadt Hamburg in den vergangenen zehn Jahren viel Substanz verloren: die Sender Premiere und MTV siedelten um, auch die Sportredaktion von Sat 1, die Deutschland-Filiale von Universal Music, und aus dem Hause Springer bereits 1993 Die Welt. 2001 folgte die Welt am Sonntag.

Der 1985 verstorbene Verleger Axel Cäsar Springer stammte aus Altona bei Hamburg, die Zukunft aber sah er in Berlin. Ein Umzug der Bild-Gruppe aber hatte dennoch keiner auf der Rechnung.

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(sueddeutsche.de)