Von Caspar Busse

Scharfe Federn auf Streichelkurs: Sonst zu Krawall neigend, veröffentlichen Bild und Hürriyet ein Buch zur deutsch-türkischen Völkerverständigung.

Als Autor stand Cem Özdemir für Süper-Freunde dann doch nicht zur Verfügung. Denn eigentlich war er in den vergangenen Monaten mit einem eigenen Buchprojekt beschäftigt. Die Türkei lautet der schlichte Titel.

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Gleiches Jackett, ähnliches Hemd, unterschiedliche Krawatten: "Hürriyet"-Chefredakteur Özkök und "Bild"-Chefredakteur Diekmann arbeiten an der Völkerverständigung. (© Foto: ap)

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Özdemir, der derzeit eigentlich Parteivorsitzender der Grünen werden will und dem gerade in Baden-Württemberg ein sicherer Listenplatz für den Bundestag verweigert wurde, hat vor allem für Jugendliche geschrieben und will mit Hilfe von Fakten und Geschichten Vorurteile auflösen.

Erstaunlicherweise erklärte sich der 44-jährige Politiker aus Schwaben mit türkischen Wurzeln bereit, an diesem Mittwoch auf der Frankfurter Buchmesse ein anderes Buch mit ganz ähnlicher Zielsetzung vorzustellen. Süper-Freunde - was Türken und Deutsche sich wirklich zu sagen haben, lautet der Titel.

Herausgegeben wird das Werk von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und Ertugrul Özkök, dem Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Hürriyet. Geschrieben haben deutsche, türkische und deutsch-türkische Autoren - von Bundeskanzlerin Angela Merkel ("Leidenschaft und langer Atem") über ganz normale Gastarbeiter bis hin zur Rapperin Lady Bitch Ray ("Ich bin ne Kanackin").

Die Bandbreite ist durchaus massenkompatibel: Daimler-Chef Dieter Zetsche, in Istanbul geboren, darf über Mercedes-Benz schreiben, Fußballtrainer Christoph Daum über seine zweite Heimat Türkei, auch Diekmann und Özkök kommen selbst zur Wort. Das Timing ist gut, die Türkei ist Gastland der Buchmesse. Seit Tagen trommeln Bild und Hürriyet mit Vorabdrucken für das Buch.

Kontroverse Diskussionen bei wunderbarem Essen

Die Idee für das Buch sei vor etwa einem Jahr entstanden, erzählt Diekmann. Die Beziehung zwischen den beiden Boulevardblättern ist schon älter. Im Frühjahr 2004 war Diekmann zu seinem Kollegen Özkök nach Istanbul gefahren, um einen Streit zwischen den beiden Medien um angeblich frauenfeindliche Äußerungen des deutsch-türkischen Unternehmer Vural Öger aus der Welt zu schaffen. Man habe lange und kontrovers diskutiert, wunderbar gegessen und sich schließlich befreundet, berichten beide.

Diekmann wurde 2005 sogar Mitglied des Beirats von Hürriyet (was übersetzt "Freiheit" heißt). Seitdem kooperieren sie. Im Karrikaturenstreit mahnten beide zu Völkerverständigung.

Wirtschaftlich sind die Beziehungen zwischen den Medienkonzernen ohnehin verschlungen. Axel Springer ist eines der größten Zeitungshäuser Europas, und Dogan beherrscht mit Zeitungen und Fernsehstationen fast die Hälfte des türkischen Medienmarktes.

Ende 2006 beteiligte sich Springer mit 25 Prozent am TV-Geschäft von Dogan. Zudem besorgt Springer in Deutschland den Vertrieb von Hürriyet. Hierzulande leben etwa drei Millionen Menschen türkischer Herkunft, fast genauso viele Deutsche reisen jedes Jahr in den Türkei-Urlaub - also ein durchaus lukrativer Markt.

"Die deutsch-türkischen Beziehungen sind nicht nur einfach, sie sind vor allem schwierig", sagte Özdemir bei der Buchpräsentation. Und daran dürften Bild und Hürriyet einen gehörigen Anteil haben. Denn durch überzogene Sachlichkeit sind beide Zeitungen bisher nicht gerade aufgefallen.

Man polarisiert lieber

Hürriyet, 1948 gegründet, kam bereits 1965 mit den ersten Gastarbeiter nach Deutschland und ist heute die meistgelesene türkisch-sprachige Zeitung. Seit der Übernahme durch den Dogan-Konzern im Jahr 2000 ist das Blatt zwar deutlich gemäßigter geworden. Doch noch immer geht es auch in der Europa-Ausgabe vor allem um türkische Identität. Integration steht nicht ganz oben, oft polarisiert man lieber.

Umgekehrt wird Bild immer wieder latente Ausländerfeindlichkeit vorgeworfen - beispielsweise als zwei Jugendliche mit griechischer und türkischer Abstammung in der Münchner U-Bahn einen Rentner brutal verprügelten und Bild eine Kampagne gegen ausländische Jugendliche attestiert wurde.

Hürriyet vermutete gar eine Verschwörung - und Diekmann musste einen offenen Brief auf deutsch und türkisch veröffentlichen. Sein Blatt sei "nicht türkenfeindlich", versicherte er damals öffentlich.

Özdemir, der als Politiker selbst schon öfters auch zur Zielscheibe von Bild oder Hürriyet wurde, mahnte deshalb eindringlich. "Bild müsste etwas türkischer werden, Hürriyet mit ihrer Europa-Ausgabe etwas deutscher", forderte er an diesem Mittwoch. Und er träumt von mehr.

Sein Vorschlag: Der ehemalige türkische Staatspräsident Süleyman Demirel und Lady Bitch Ray sollten nicht nur gemeinsam in einem Buch erscheinen, sondern auch mal in einem Raum diskutieren, etwa über die Rolle der Frau. Das wäre wirklich spannend - frag nach bei Schmidt & Pocher.

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(SZ vom 16.10.2008/jb)