Biennale in Venedig Küche zu verkaufen

Rolex kaputt, Porzellan zerbrochen: Auch die Weltschau, die am Sonntag beginnt, kommt an der Krise nicht vorbei. Ein Offenbarungseid des Kunstbetriebs.

Von Holger Liebs

Der schwule Sammler dümpelt tot im Pool, seine Rolex liegt auf dem Grund des Beckens. In seiner italienischen Sommerresidenz, einem Glashaus mit einem Himmel aus Betonrippen, lümmeln sich Ex-Lover auf skandinavischem Designmobiliar. Kunst, wohin man blickt: Tom of Finlands Gayporn-Zeichnungen ebenso wie die Badehosen von "Alberto" oder "Kenny" - Bettgenossen des Sammlers? -, gerahmt hinter Glas. Welches Schicksal mag den Connaisseur ereilt haben? War er bankrott, wollte er sein Lebenswerk nicht zerstört sehen und suchte deshalb den Tod?

Geht man ein Haus weiter in den "Paradiesgärten" der Kunstbiennale, wo die Nationenpavillons stehen, steht da zu lesen: "For Sale". Die Besitzer, offenbar eine Familie, ebenfalls philantropisch veranlagt, leisten den Offenbarungseid. Niemand ist zugegen, das Weimarer Porzellan liegt auf dem Boden, die Haushaltshilfe ist zur Skulptur erstarrt. Makler führen durchs Haus. Was das dänisch-norwegische Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset mit dem "Nordischen" Pavillon der Länder Finnland, Norwegen und Schweden sowie dem Dänischen Pavillon direkt nebenan angestellt hat, ist fast unverschämt heiter - und gleichzeitig abgrundtief böse. Einen so smarten, frechen und vielschichtigen Kommentar zum Kunstbetrieb hat die Biennale schon länger nicht mehr erlebt.

Geht's noch?

Und man dachte schon, der Kunstort Venedig sei mitten im weltweiten Abschwung aus der Zeit gefallen: Gerade hat Sammlerkönig Francois Pinault die Punta della Dogana, einen mächtigen Bug am Ausläufer des Canal Grande, mit den Kunstmarkttrophäen der vergangenen Jahre und mit Architektur von Tadao Ando geschmückt (Besprechung folgt). Gleich nebenan ankert eine Yacht russischer Provenienz, die aussieht wie ein Stealthbomber; gerüchteweise fanden dort halbseidende Whirlpoolparties statt. Und die Ukraine schickt für ihre nationale Repräsentanz tatsächlich Vladimir Klitschko als Kurator ins Rennen - hallo, geht's noch?

In den Giardini selbst, der Kolonialzeit-Gründung mit Weltausstellungs-Touch, ist sowohl vom Boom der Nullerjahre als auch von der jetzigen Krise wenig zu sehen. Allein Elmgreens und Dragsets Doppel-Statement bietet ein hinterhältiges Schlusswort unter Gender-Vorzeichen, welches die Staatenhäuser mit leichter Hand in privat-bourgeoises Habitat verwandelt, aber auch als zweifache, allenfalls ein wenig überfrachtete Gruppenausstellung mit eingeladenen Künstlern (Terence Koh, Wolfgang Tillmans et al.) gut funktioniert. Die Puppe im Pool hätt's aber eigentlich nicht gebraucht für den Homestory-Blues.

77 Nationen nehmen am venezianischen Kunstgipfel teil, darunter zum ersten Mal die Vereinigten Arabischen Emirate, aber die Giardini sind den Staaten aus Old Europe vorbehalten. Die klügeren Künstler nähern sich den Prachtvillen ihrer Vorväter von der Architektur her - das geht gar nicht anders bei dem hier versammelten Pathos aus Gründerzeit und Moderne (auch Alvar Aalto, Josef Hoffmann oder Carlo Scarpa haben mitgebaut).

Roman Ondák ist einer der besten Auftritte vorbehalten - man ist schon fast wieder aus dem Bau der Tschechen und Slowaken draußen, bevor man bemerkt, ihn betreten zu haben. Arbiträres Kiesgeläuf und Büsche setzen sich in ihm einfach fort - eine perfekte Illusion.

Hervorzuheben wären noch die heitere Licht-Luft-Lamellen-Installation der Koreanerin Haegue Yang, die erfrischend nonchalante Selbstdarstellung der Emirate, das elegant operierende österreichische Frauen-Trio oder, außerhalb der Giardini, das erfrischend bescheidene In-situ-Atelier des Isländers Ragnar Kjartansson, außerdem die Präsentation Palästinas. Es enttäuschen die gelackte Düsternis der Franzosen (Claude Lévêque) oder der gefeierte Brite Steve McQueen mit einer erschreckend harmlosen Filmvorführung der zugemüllten Giardini im Winter.

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