Bibelübersetzung für Inuit Jesus auf einem "Tier mit langen Ohren"

Was ist ein Esel? Und wie beschreibt man einen "guten Hirten", wenn es in der Arktis keine Schafe gibt? Die Bibel ist erstmals in die Sprache der kanadischen Inuit übersetzt worden. Das war nicht leicht.

Von Bernadette Calonego, Vancouver

Ginge es nach den Eskimos, dann würde Jesus in der Bibel auf einem Schlitten sitzen und nicht auf einem Esel reiten. Bei der wundersamen Vermehrung würde er Walfett verteilen. Und Maria Magdalena hätte stundenlang Robbenhaut mit den eigenen Zähnen weich gekaut, um dem Messias daraus Stiefel zu fertigen. Aber das biblische Leben findet nun mal in der Wüste statt, wo es von Tieren und Pflanzen wimmelt, für die Eskimos nicht einmal Wörter haben - schon mal angefangen mit dem Esel.

Von solchen Problemen haben sich die Übersetzer einer neuen Bibel-Version in Inuktituk, der häufigsten Sprache der Ureinwohner in Kanadas Arktis, nicht entmutigen lassen. Jesus reitet nun auf "einem Tier, das lange Ohren hat" durchs Heilige Land. Ein bisschen schwieriger war es mit Gleichnissen: Wie übersetzt man den "Guten Hirten" für Menschen, die Tiere jagen, aber nicht hüten? Kreativität war also gefragt: Der Gute Hirte wandelte sich zum "Babysitter für Schlittenhunde". Da seine Schäfchen, die verlorenen Seelen, aber prominent in der Bibel vorkommen, musste auch dafür eine Umschreibung gefunden werden: Sie wurden zu "Tieren mit gekräuseltem Haar". Bei "Kamel" und "Palme" haben die Übersetzer kapituliert: Sie nahmen das englische Wort.

"Unverdienter Gefallen"

Die neue Bibel wird im Juni in der Silbensprache veröffentlicht, die kanadische Inuit anstelle der römischen Schrift gebrauchen. 34 Jahre hat die Übersetzung gedauert. Wer das lange findet, sollte einmal versuchen, Inuktituk-Wörter für exotische Flora und Fauna zu erfinden - geschweige denn für Ausdrücke wie "Erlösung", die den Eskimos so fremd ist wie Sanddünen.

Die Kanadische Bibelgesellschaft, die die Übersetzung zusammen mit der anglikanischen Kirche finanziert hat, wollte sichergehen, dass die Bibel in den Ohren der rund 30.000 christlichen Eskimos, die in Kanada zu den fleißigsten Kirchgängern gehören, richtig klingt. Deshalb sind alle Übersetzer Inuit, zum Beispiel Jonas Allooloo aus dem Dorf Puvirnituq an der Hudson Bay. Der 65-jährige Priester arbeitete von 1978 an jedes Jahr mehrere Wochen am Projekt mit. Kopfzerbrechen bereiteten ihm Ausdrücke wie Frieden, denn die friedlichen Inuit haben kein Wort dafür. So beschrieb ihn Allooloo als Zustand ohne Krieg oder eine Person, die ruhig ist. Gnade übersetzte er mit "unverdienter Gefallen", Wunder mit "etwas, das man nicht jeden Tag sieht".

Da früher deutsche Missionare Teile der Bibel übersetzt haben, sind manche ihrer Ausdrücke geblieben. Gott nennen die Inuit bis heute "guti", den Teufel "satanisi". Beim Begriff Hölle ist es auch simpel: "Kapeianatuvik" ist ein "Ort, wo man gequält wird". Das Paradies dagegen ist "ein Ort, wo man glücklich ist". Und der kann letztlich im Eis genauso liegen wie in der Wüste.