Bibelfilm Teuflische Versuchung

Ewan McGregor spielt Jesus und seinen teuflischen Widersacher in einer Person: "40 Tage in der Wüste" ist kein gewöhnlicher Bibelfilm.

Von Rainer Gansera

Diese Erzählung schwelgt von Anfang an in einer Stimmung intimer Meditation, was auch ihren Zauber ausmacht. Wenn Rodrigo García, der Sohn des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez, Jesus in die Wüste schickt, wird daraus kein spektakulärer Bibelfilm wie "Die Passion Christi", "Noah" oder "Exodus". Sondern eine kontemplative Reise, konzentriert auf wenige Personen in der erhabenen Schönheit der Wüstenlandschaft, mit einem Bilderpanorama, das Traum, Vision und Wirklichkeit ineinanderfließen lässt.

In der religiösen Praxis ist die Wüste traditionell ein Ort des Rückzugs, der seelischen Reinigung und dämonischen Versuchung. Jesus' Gang in die Wüste, aus dem sich im kirchlichen Kalender die vorösterliche Fastenzeit ableitet, erzählen die Evangelien als Konfrontation mit der teuflischen Versuchung zur Macht. Der Teufel verspricht Jesus im Gegenzug zur Niederwerfung vor dem Widersacher die Herrschaft über "alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht". Diese biblischen Szenen der Teufelsbegegnung kommen bei Garcia nicht vor, aber die Wüste ist auch bei ihm Ort der Konfrontation mit dem Versucher.

"Die Wüste ist gnadenlos, sie nimmt dir deine Selbstgefälligkeit, deine Illusionen", wird Jesus, genannt Jeshua, gewarnt. Aber genau diese Herausforderung sucht er ja nach seiner Jordan-Taufe. Garcia zeigt Jeshua als Suchenden, Fragenden, der sich über seinen Lebensweg nicht im Klaren ist, und in dieser Zerrissenheit begegnet er dem Teufel, der das tut, was Teufel am besten können: Misstrauen säen. Wenn Jeshua in seiner Verzweiflung den Gott-Vater anruft und keine Antwort erhält, überschüttet ihn der Teufel mit Spott und Hohn: "Zu deinem Vater zu sprechen ist, wie zu einem Felsen zu sprechen, er liebt nur sich selbst, sonst nichts!"

Dieser Teufel zeigt sich auch nicht, wie in Bibelfilmen üblich, als Schlange, feurige Zunge oder gnomisches Wesen, sondern als Joshuas Alter Ego, sein Doppelgänger. Deutbar als abgründige Seite seiner Person, aus der alle Impulse des Misstrauens und Zweifels hervorgehen. Ewan McGregor, bekannt geworden als Heroinjunkie ("Trainspotting") und Jedi-Ritter in der "Star Wars"-Saga, meistert die Doppelrolle glänzend. Mit kleinen Gesten lässt er das Teuflische durchscheinen: in einem hämischen Lachen, verächtlichem Spott, oder wenn er mit Paradoxien Eindruck schinden will: "Ja, ich bin ein Lügner - das ist die Wahrheit!". Der Teufel ist ein Liebhaber zynischer Bonmots.

Nachdem Jeshuas verzweifelter Ruf nach dem Vater ohne Echo verhallt, begegnet er in der Wüste einer Familie mit klassischem Vater-Sohn-Konflikt. Der Vater will dem Sohn ein Haus in die Wüste bauen, der Sohn aber will hinaus in die weite Welt, angelockt vom glitzernden Jerusalem und den Leuchttürmen von Alexandria. In diesem menschlich-allzumenschlichen Vater-Sohn-Duell spiegelt sich Jeshuas Problem mit dem himmlischen Vater. Sein Versuch, der Familie hilfreich zu sein, eine Art Testlauf für die demnächst zu wirkenden Heilungswunder, scheitert kläglich.

In Rodrigo Garcías Kinofilmen dominierten bislang Frauenfiguren und die Frage nach der weiblichen Identität ("Nine Lives", "Mütter und Töchter"). Hier aber taucht er ins männliche Universum ein, reibt sich am Status des Patriarchen, wagt eine traumnahe Bilderwelt, die alles ins Sinnbildhafte verwandelt, und entwirft in Jeshua eine Gestalt, die wie ein Verwandter der seltsamen Heiligen aus den Filmen von Pier Paolo Pasolini erscheint. Es gibt ruhige, nachdenkliche Filme, aber kaum ein anderen, der derart selbstverständlich und schön die Form einer Meditation annimmt, wie Garcías "40 Tage in der Wüste".

Last Days in the Desert, USA 2015 - Buch und Regie: Rodrigo García. Kamera: Emmanuel Lubezki. Mit: Ewan McGregor, Tye Sheridan, Ciarán Hinds, Ayelet Zurer. Tiberius, 98 Minuten.