SZ: Sie akzeptieren auch nicht die Rolle, die die Windsors als Attraktion der Touristen-Industrie spielen.
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Townsend: Nö, nicht mal das. So weit vorne stehen sie ja schließlich nicht auf der Liste der britischen Denkmäler und anderer Sehenswürdigkeiten. Als Diana starb, weinten sich alle die Augen aus. Und wenn ich nach den Gründen fragte, so kam oft die Antwort: Ach, ich musste an meine Mutter denken. Ist das nicht ziemlich absurd?
SZ: Diana ist tot. Wird Camilla sie je ersetzen können?
Townsend: Natürlich nicht, aber dass es eine Königin Camilla geben könnte, ist durchaus denkbar.
SZ: In Ihren Büchern haben die Royals sprechende Hunde. Was soll denn das?
Townsend: Die Hunde sind die einzigen, die nicht buckeln vor den Hoheiten und sich erniedrigen. Normalmenschen, die die Mitglieder der königlichen Familie treffen, sind meist verlegen, schwitzen, sind aufgeregt. Vor einer solchen Begegnung müssen sie neue Kleider, neue Hüte kaufen. Müssen sich in Ehrfurcht üben. Die Hunde dagegen behandeln die Königlichen wie ihresgleichen. Sie sind Anarchisten, haben keine Regeln. Ich habe es genossen, diese Hunde zu beschreiben.
SZ: Die Hunde sind so wie Sie?
Townsend: Vielleicht. Ich akzeptiere, dass die Royals ihre Pflichten erfüllen, aber ich kann das nicht harte Arbeit nennen. Prinz Charles' Diener soll ihm ja sogar die Zahnpasta von der Tube auf die Bürste drücken. Kein Vergleich mit dem, was meine Mutter und andere Frauen aus ihrer Umgebung an Schwerarbeit zu leisten hatten und wie schwierig ihr Leben war.
SZ: In Ihrem richtigen Leben: Waren Sie schon bei Hofe geladen?
Townsend: Ja, zweimal. Aber ich ging nicht hin, ich wollte mich nicht verbeugen und meine Prinzipien nicht verbiegen. Das wäre eine zu große Zumutung gewesen.
SZ: Mit der Zumutung Ihrer Blindheit müssen Sie täglich umgehen.
Townsend: Ja, aber das bedeutet nicht, dass ich besonders tapfer bin. Tapferkeit findet auf dem Schlachtfeld statt. Ich wollte keinesfalls eine Berufsinvalidin werden. Und wenn mich das Selbstmitleid überfällt, dann vergewissere ich mich, dass ich allein bin und damit fertig werde. Ich habe Phasen, in denen ich wie besessen arbeite, und dann wieder kommen Zeiten, in denen ich frage, was das alles soll.
SZ: Von Tag zu Tag müssen Sie fertig werden mit dem Blindsein - dabei hilft Ihnen Ihr Mann, Colin Broadway, dem Sie auch Ihre Bücher widmen.
Townsend: Ja. Er ist unentbehrlich. Ich diktiere ihm, er organisiert den Alltag, befasst sich mit Terminen und Lesehilfen, chauffiert mich, informiert mich. Und ich höre viel Radio, das ist unverzichtbar. Übrigens: Auch in meinen Büchern ist Blindheit ein Thema. Nigel, Adrian Moles Freund, wird blind und hat ähnliche Empfindungen wie ich. Ich will das Thema nicht unter den Tisch fallen lassen. Auf Adrians ungeschickte Frage, was denn das Schlimmste an der Blindheit sei, reagiert Nigel ausfallend und unfein: Das Schlimmste ist, dass ich nicht den geringsten Scheiß sehe, du Idiot!
SZ: Gibt es denn auch Reaktionen Ihrer Leser auf Ihre Krankheit?
Townsend: Nun, ich nehme keine Signiertermine mehr wahr. Das ist zu anstrengend. Und ich versuche, so ruhig wie möglich auf gutgemeinte, teilnahmsvolle Fragen zu reagieren. Ansonsten schreibe ich weiter. Nach dem jüngsten Mole-Roman, "Adrian Mole and the Weapons of Evil", der vor dem Hintergrund des Irakkriegs spielt und Mole als erbitterten Kriegsgegner zeigt, geht es in der Fortsetzung, an der ich gerade sitze, um Altwerden, Sterblichkeit und Selbstmitleid. Auch versucht Mole, sein Privatleben in den Griff zu bekommen.
SZ: Klingt pessimistisch.
Townsend: Die Perspektiven meiner Geschichten werden auf jeden Fall pessimistischer. Wie sollte das auch anders sein, wenn man sich in der Wirklichkeit umsieht. Wie da sagenhaft reiche Leute mit Geld um sich werfen, Riesensummen für alles mögliche ausgeben. Das große Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich provoziert mich, es ist ungerecht, macht mich wütend und traurig.
SZ: Haben Sie denn eine Lösung?
Townsend: Ich denke, wenn die Menschen lachen, und sie lachen gerne, achten sie auch auf das, was hinter dem Lachen steckt. Das Kunststück besteht also darin, auch ernste Themen mit Humor zu behandeln, Komik nicht außer Acht zu lassen, wenn es ernst wird - das soll die Leser herausfordern und sie sensibilisieren. Ich nenne diese Art der Schreibe "serious comedy". Darum geht es mir, dieses Genre liegt mir am Herzen.
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Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
(SZ vom 3.11.2008/pak)
67. Jahrestag der Bombardierung