Bestseller "Bonita Avenue" Feuer unterm Dach

Familie im Splatter-Rausch: Es wird nach Herzenslust gemetzelt in Enschede, jener niederländischen Stadt, wo vor 13 Jahren eine Feuerwerksfabrik explodierte. Der Autor Peter Buwalda nutzt die Tragödie als Allegorie und jagt in seinem Bestseller "Bonita Avenue" gleich ein ganzes Mittelklasse-Idyll in die Luft.

Von Christoph Bartmann

In Enschede ist bekanntlich am 13. Mai 2000 ein Lager mit Feuerwerkskörpern explodiert. 23 Personen kamen damals zu Tode, und ein ganzer Stadtteil wurde verwüstet. Enschede, der Name ließ zuvor an nichts Bestimmtes denken, am ehesten einfach nur an beschauliche niederländische Provinz, jedenfalls nicht an Katastrophen dieses Ausmaßes.

Wenn das Unglück über vermeintliche Idyllen hereinbricht, dann setzt es den vorausgegangenen Zustand ins Unrecht. Irgendwie muss der Friede der Leute von Enschede ein falscher gewesen sein, und das Feuerwerksunglück so etwas wie der Einbruch des Realen. Ein banaler Gedanke zwar, aber doch nicht banal genug, um ihm nicht literarische Gestalt zu geben.

Peter Buwalda hat einen dicken und in Holland sehr erfolgreichen Roman geschrieben, der die Explosion von Enschede als Allegorie heranzieht für ein anderes und vielleicht noch schlimmeres "Feuer unterm Dach". Es geht um die ziemlich dysfunktionale Familie Sigerius, um Mord, Unzucht und, fast möchte man sagen, noch Schlimmeres.

Es geht also um eine jener unglücklichen Familien, die nach Tolstois populärem Satz alle auf ihre eigene Weise unglücklich sind. So wenig der Satz sonst stimmen muss, hier findet er seine Berechtigung: die Familie Sigerius ist auf sehr eigene Weise unglücklich.

Das macht es dann wieder schwer, in der Feuerwerkskatastrophen-Allegorie das notwendige Allgemeine zu entdecken. Was gäbe uns eine beliebige unglückliche niederländische Patchwork-Familie aus Enschede zu denken, wenn ihr Unglück nicht irgendwie Probleme der Zeit und der Gesellschaft reflektierte? Was sagt uns der Familienroman, wenn er nicht zugleich ein Gesellschaftsroman ist?

Ins Singuläre gesteigert

Die niederländische Presse hat Buwalda sogleich als den niederländischen Jonathan Franzen gepriesen. Von Franzen kann man sagen, dass seine Familienromane auch Gesellschaftsromane sind. Auf Buwalda trifft das nicht zu. Er hat seinen Familienroman derart ins Extreme und Singuläre gesteigert, dass die Gesellschaft ringsum unsichtbar bleibt.

Es kommt ja schon einiges zusammen bei Familie Sigerius. Um es so kurz wie möglich zu machen: Siem Sigerius ist ein hochberühmter Mathematiker und Wissenschaftspolitiker, zugleich Judoka und Jazzliebhaber. Sein Sohn Wilbert ist chronisch gewalttätig und sinnt nach abgebüßter Haft auf blutige Rache an seinem Vater, der ihm vor vielen Jahren großes Unrecht zugefügt haben soll. Seine Stieftochter Joni hat, gemeinsam mit ihrem depressiven Ehemann Aaron, in aller Heimlichkeit eine höchst erfolgreiche Internet-Pornoseite aufgebaut, bei der sie auch selbst als Darstellerin fungiert.

Nun, im Jahr 2000, die Handlung springt vor und zurück, kommt Wilbert frei, Joni und Aaron trennen sich, Joni wird später nach Kalifornien ziehen, wo sie einst schon mit den Eltern glücklich an der Bonita Avenue lebte, und dort nach einem kurzen Intermezzo bei McKinsey wieder in die Pornoindustrie wechseln.

Wechselvolle Schicksale

Die Explosion von Enschede ist somit die Zentralachse, um die herum die wechselvollen Schicksale der Familie Sigerius gelegt sind - mit einer Tendenz von schlimm zu schlimmer. Auf den letzten etwa zweihundert Seiten steigert sich Buwalda dann in einen regelrechten Splatter-Rausch hinein. Es wird nach Herzenslust gemetzelt und gesägt, wie man das von einem niederländischen Familienroman nicht unbedingt erwartet hätte.