Bestseller-Autor Precht Eine kognitive Mehrfachkarambolage

Man macht sich nicht leicht eine Vorstellung von dem Bild, das Richard David Precht in "Liebe" abgibt; vom schieren Ausmaß an Inkompetenz und großspuriger Besserwisserei, das dieses Buch durchsetzt. Es ist eine pseudowissenschaftliche Blamage. Pausenlos höhnt und spottet Precht gegen Theorien aus der Evolutionsbiologie und der evolutionären Psychologie, die er nicht einmal ansatzweise verstanden hat, und sonnt sich im Triumph rhetorischer Fragen, die seine eigene Ahnungslosigkeit unerbittlicher offenlegen, als es jeder Kritiker könnte.

Nicht einmal eine kurze Erklärung der Theorie der natürlichen Selektion mag dem Autor gelingen, ohne eine kognitive Mehrfachkarambolage hinzulegen. Zu den Höhepunkten zählen Prechts vermeintliche Gegenbeispiele. Nicht bloß leiden sie an Vermeintlichkeit - mehrere von ihnen verkörpern sogar lehrbuchmäßige Vorhersagen der Theorien, gegen die er sie anführt.

Nicht minder schlimm steht es um Prechts wissenschaftshistorische Darstellungen und seine Zuschreibungen von Urheberschaften und Einflüssen. Das alles beruht auf unverstandenen Versatzstücken aus dritter, bestenfalls zweiter Hand, frei zusammengereimt von Precht - aber immer, immer präsentiert im Übersichtsgestus des allwissenden Erzählonkels. Seine theoriegeschichtlichen Aussagen sind dabei oft genauso frei erfunden wie die absurden Strohmänner, die er konstruiert.

Nicht einmal von den meistzitierten, paradigmenstiftenden Klassikern der evolutionären Fachliteratur des letzten halben Jahrhunderts kann Precht reden, ohne sie falsch zu identifizieren, falschen Zeitabschnitten zuzuordnen oder einfach ihre Aussagen auf den Kopf zu stellen. Irgendwann ist man so weit, dass man fast Dankbarkeit empfindet, wenn Precht bloß die Anzahl der in einem Mannesleben produzierten Spermien um einen fünfstelligen Faktor zu gering beziffert und ansonsten keinen Schaden anrichtet.

Das Schlimmste an diesem Buch aber sind die widerlichen Ad-hominem-Äußerungen, an denen sich Precht fortwährend aufrichtet - die ständigen Andeutungen und Diffamierungen in der ganzen überflüssigen, beleglos dargereichten biographischen Sauce, in die er seine verunglückten Ideenreferate eindeckt. Es hat geradezu zwanghaften Charakter. Selbst die epochemachende Entdeckung der DNS-Doppelhelix durch Crick und Watson kann er nicht erwähnen, ohne im Vorübergehen zu versichern: "Zuvor galten beide Forscher nicht gerade als Leuchten ihrer Zunft." Über William Hamilton, den wichtigsten theoretischen Biologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, lässt er sich seitenlang mit keiner anderen Absicht aus, als Bemerkungen wie diese anzubringen: "Die entscheidende Frage war, ob Hamilton dagegen nicht immer schon sonderbar gewesen war."

Einen führenden Vertreter der Evolutionspsychologie stellt er so vor: "Einige Jahre war David Buss ein unzufriedener Sozialpsychologe. Dann stürzte sich der heute 55-jährige (. . .) auf die evolutionäre Psychologie." Richard Dawkins, im Blickpunkt wegen seiner klassischen Monographie von 1976, in der er die genselektionistische Perspektive der konventionellen Evolutionsbiologie veranschaulichte, darf noch froh sein, wenn ihm Schwachsinn zugeschrieben wird wie ein Glaube an "einen Gott in den Genen: Sie sind allmächtig, allgewaltig und für alles verantwortlich", oder wenn Precht keift: "Du bist nichts, deine Gene sind alles!" Doch, doch, so geht es hier wirklich zu, und über Dawkins' Stellung in der wissenschaftlichen Gemeinschaft und seine Forscherkarriere in Oxford tischt Precht noch ganz andere Falschaussagen und Halblügen auf.

Kein Autoritäts- oder Herkunftsargument ist Precht zu dumm. Zu einem Buch des weltweit führenden Autismus-Forschers Simon Baron-Cohen über Unterschiede von Gehirn und Geist zwischen Männern und Frauen schreibt Precht, es sei "äußerst umstritten. Denn" - denn?! - "Baron-Cohen ist kein Hirnforscher, sondern Professor für Psychologie am Trinity College der University of Cambridge."

Derlei kolossale Eigentore und andere Versuche Prechts, unverstandene Positionen durch irrelevante, falsche oder schlicht lachhafte Bemerkungen zur fachlichen Herkunft ihrer Autoren zu untergraben, sind das eine. Das Unglaublichste aber ist, dass sie ausgerechnet von einem stammen, der auf die gute wissenschaftliche Grundregel der herkunftsneutralen Bewertung von Gedanken stärker angewiesen ist als alle von ihm beschimpften Forscher zusammengenommen: von einem Solinger, dessen akademische Laufbahn nie über seine Heimatuniversität Köln und eine Promotion in germanistischer Literaturwissenschaft hinausführte.

Precht hat keinen Schimmer

Im zweiten Teil dieses viel zu langen Buches wird, zumindest nebenbei, so etwas wie Prechts "Theorie" der Liebe entwickelt. Die im Untertitel behauptete Unordentlichkeit des Gefühls der Liebe offenbart sich dabei weitaus weniger als die Unordentlichkeit von Prechts geschwätziger Themenbehandlung. Und seine verstreuten Analyseansätze bleiben stümperhaft. Die Liebe sei, so betont Precht etwa, keine "Emotion", nein, ein "Gefühl". Gefühle seien "durchgängiger und langlebiger" und "mit Vorstellungen verbunden". Als paradigmatische Beispiele für Emotionen präsentiert uns Richard David Precht allen Ernstes: Müdigkeit, Hunger, Frieren, und sexuelle Gier - rohe Sinnesempfindungen und Triebe also, keine einzige Emotion.

Die von Affektforschern unterschiedenen Grundemotionen dagegen (etwa Angst, Zorn, Freude, Trauer oder Ekel) tauchen bizarrerweise gar nicht auf. Und von der anderen üblicherweise unterschiedenen Generalkategorie, den "höheren kognitiven Emotionen", scheint Precht nicht einmal gehört zu haben, obwohl es beim Thema Liebe gerade hier anzusetzen gälte. Andere wichtige Unterscheidungen scheint er genauso wenig zu kennen. Precht, Philosoph der Liebe, hat keinen Schimmer von der Forschung in der Philosophie der Emotionspsychologie.

Und die Liebe selbst? Sicherlich schillert der Begriff. Er erfasst mehr als einen einzigen Zustandstyp. Bevor dieser Alltagsbegriff als wissenschaftliche Kategorie in koschere psychologische Erklärungen eingehen kann, muss er präzisiert, gegebenenfalls durch feiner ziselierte Begriffe ersetzt werden. Zudem gilt es, wesentliche Verhaltensaspekte der Liebe von kulturell variablen Aspekten zu isolieren. Das ist nicht trivial, und es ist nicht neu. Mit Sicherheit aber ist es keine Aufgabe für Richard David Precht.

RICHARD DAVID PRECHT: Liebe. Ein unordentliches Gefühl. Goldmann, München 2009. 397 Seiten, 19,95 Euro.