Beruf: Ghostwriter Nähe und Distanz

Der Journalist Hajo Schumacher, 45, schrieb die Biographie des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit.

Es gibt den Unterschied zwischen einem Ghostwriter, der im Buch als Ko-Autor genannt wird, und einem, der wirklich unsichtbar bleibt. Mal bin ich Halb-Geist, mal ganzer Geist. Die Arbeitsweise bleibt gleich: Politiker oder Manager wollen Bücher schreiben, meistens über sich, fast immer schmalztriefend, haben aber keine Zeit. Gut so. Denn die meisten könnten es einfach nicht. Das ist auch nicht schlimm: Sie sollen ja nicht schöngeistern, sondern regieren oder ein Unternehmen führen.

Klaus Wowereit und ich haben uns meist sonntagnachmittags zu vierstündigen Gesprächen getroffen, die am Rande zu einem kulinarischen Erlebnis wurden. Er hat selbst Kuchen gebacken. Und dann Lob von mir erwartet. Politiker eben. Wenn er die Stadt regiert, wie er Kuchen komponiert, mache ich mir um Berlins Zukunft allerdings keine Sorgen.

Wie in Polanskis Film haben wir erst mal Ziele vereinbart. Politiker wollen über sich lesen: "Alle in der Partei sind meine Freunde, nichts liegt mir mehr am Herzen als das Wohl des Volkes" - das will aber leider keiner lesen und auch kein Ghostwriter aufschreiben.

Mit Wowereit gab es diese Probleme nicht. Unsere Übereinkunft hieß schlicht: Realitätsnähe. Konflikte gibt es meist, wenn es um die Herkunft geht. Die frühen Jahre werden verklärt: Alle haben sich aus kleinsten Verhältnissen hochgerackert und wussten schon mit drei Jahren, dass mal was ganz Großes aus ihnen würde. Ich aber suche nach den Brüchen. Wowereit hat über Jahre seine kranke Mutter gepflegt. Das kann nicht nur Aufopferung sein, sondern bedeutet oft auch emotionale Geiselnahme, die Stress verursacht. Darüber spricht ein Politiker ungern. Wowereit hat aber genau diese unangenehmen Punkte klar benannt.

Mit der Arbeit sind mein Verständnis und mein Mitleid für Politiker größer geworden. Ich könnte fast jeden Beruf machen, aber nie Politiker sein. Zu brutal. Jeder Journalist, der einem Politiker näherkommt als im Tagesgeschäft, hat ein Problem. Emotionale Nähe entsteht. Ich bin stets um kritische Distanz bemüht, gleichsam als Anwalt des Lesers. Aber den Auftrag einer Zeitung, zehn Gründe zu nennen, warum Wowereit nichts taugt, muss ich leider ablehnen.

Journalisten und Politiker teilen sich als Berufskrankheit den Narzissmus. Ein Leben als Dauergeist, der immer nur im Verborgenen dichtet, kann ein anständiger Narziss nicht ertragen. Doch relativiert sich diese Selbstliebe durchaus mit der Höhe des Honorars.

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