Der eine singt die Internationale, die andere zählt die Namen ihrer Liebhaber auf - auf dem Sterbebett zeigt sich die letzte Chance, Bedeutendes zu sagen. Ein Buch präsentiert nun die letzten Worte berühmter Persönlichkeiten.
Im Pathetischen, wie wir spätestens aus Schillers Betrachtung wissen, behauptet der Mensch Geistesfreiheit und moralische Selbständigkeit. Der Gewalt, die das Leiden seiner Kreatürlichkeit antut, setzt er eine Haltung entgegen, die "die Gegenwart eines übersinnlichen Prinzips" offenbar macht. Pathos hat in Sterbestunden so sein ureigenstes Metier; im Konzentrat der "letzten Worte" setzen sich Charakter und Bestimmung ein bleibendes Denkmal.
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Behauptet jedenfalls ein uralter Konventionalismus, in dem aber schon Montaigne beträchtliches Variationspotential witterte: "Nach nichts erkundige ich mich eingehender, als danach, wie ein Mensch gestorben sei: mit welchem Gesicht und welcher Haltung, mit welchen letzten Worten", registrierte er 1595: "Wenn ich ein Bücherschreiber wäre, legte ich ein kommentiertes Verzeichnis der verschiedenartigen Tode an."
Ob er sich davon nun ein Lehr- und Erbauungsbuch antiken Zuschnitts oder nur Zerstreuung erhoffte - feststeht, dass die seitdem erschienen Kompendien vermächtnishafter One-Liner hauptsächlich einen Umstand dokumentieren: dass die düstere Majestät des letzten Vorhangs zitable Sentenzen nämlich mit exakt derselben Hingabe einhüllt wie Banales und Spontanes.
Mehr als "Umpf!" und "Öchzz!"
Losgelassen hat dieses Spannungsfeld auch den langjährigen Spiegel-Autor Hans Halter nicht mehr, seit er, als junger Assistenzarzt im Städtischen Krankenhaus Eichstätt, seinen ersten beruflichen Todesfall erlebte - das Sterben eines alten Bauern, dem eine Nonne und ein Kapuzinerpater beistanden.
Halter: "Nach zwanzig Minuten ging ich noch einmal in das Sterbezimmer und fragte den Kranken: ,Wie geht's denn?' Der alte Mann öffnete die Augen und sagte: ,Geht schon.' Dann starb er. Es hat Jahre gedauert, bis mir zu dämmern begann, dass in diesem letzten Wort das Leben und die Haltung des Patienten sich verdichteten. ,Geht schon', das war sein Selbst, die Wahrheit und sein Credo."
Dafür, "dass das Wesen eines Menschen und seine letzten Worte auf frappante Weise zueinander passen" hat Hans Halter seitdem Belege in Kultur- und Zeitgeschichte gesammelt. Herausgekommen ist dabei eine merkwürdige Empirie der Endgültigkeit, deren krasse Niveauunterschiede - abgesehen von den sicher auch vorkommenden "Umpf!" und "Öchzz!"- dankenswert klar herausgearbeitet sind:
Karol Woytilas Bitte "Lass mich in meines Vaters Haus gehen" oder Albert Einsteins "Ich habe meine Sache hier getan" relativieren so beispielsweise Lotte Lenya, die nur Namen ihrer Liebhaber aufzählte, Rumänen-Conducator Nicolae Ceaucescu, der das angetretene Erschießungskommando mit der "Internationale" verblüffte oder Lenin, der seine Gattin Krupskaja bat: "Lies mir mehr von diesem Jack London vor."
Champagner oder Nachttopf
Thomas Mann verlangte seine Brille, Nicolai Gogol eine Leiter, Alfred Jarry einen Zahnstocher. Fontane und Tschechow repräsentieren die - gut sortierte - Getränkeabteilung: der eine begehrte Likör, der andere Champagner. (Saufaus Dylan Thomas ging sogar mit der triumphalen Verkündung eines 18-Whisky-Rekords aus der Welt.) Außerdem kann man auf geheimnisvolle Parallelen stoßen: "Was ist geschehen?", erkundigten sich einhellig die von einem Anarchisten niedergestochene Kaiserin Sisi und Unfallopfer Diana, Prinzessin von Wales.
Floskelhafte Entschuldigungen an die Henker richteten Marie Antoinette wie Spionin Mata Hari. Und schlicht nur noch langweilig war es Italiens Fin-de-Siècle-Dichter d'Annunzio und Winston Churchill. Das letzte Wort auch in Sachen letzte Worte beanspruchte, kaum überraschend, Karl Marx: "Letzte Worte sind etwas für die törichten Leute, die nicht genug zu sagen gehabt haben", soll er seinem Alter Ego Engels abschließend beschieden haben.
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Umweltstiftung WWF in der Kritik
Ich vermisse auch Stan Getz: "Was für eine Verarschung!"
Wo bleibt Heinrich Heine? Also: "Dieu me pardonnera tout, parce que c´est son metier."