SZ: Sie meinen, seit dem Einbruch der New Economy? Böckelmann: Bertelsmann war eines der ganz wenigen deutschen Unternehmen, die an die Weltspitze drängten. Das hat ihm auch die Sympathie der Politik und der Medien eingebracht. Jetzt muss man feststellen, dass Bertelsmann dabei ist, den Kontakt zur Weltspitze der Medienkonzerne zu verlieren. Andererseits ist Bertelsmann noch nie davor zurückgeschreckt, rigorose Methoden anzuwenden. Denken Sie daran, wie Bertelsmann 1999 unter großem Druck, auch politischem Druck, und unter Aufbietung aller Mittel den Springer Wissenschaftsverlag an sich gebracht und drei Jahre später an den Meistbietenden verramscht hat; das ist eine Ungeheuerlichkeit. Genauso wie im Fall von RTL, wo Bertelsmann, weil man selber das Kapital und die politischen Möglichkeiten nicht hatte, einen Partner nach dem anderen an sich gezogen hat, dann über seinen Rücken hinweg hochgestiegen ist und ihn rausgedrängt hat.

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SZ: Hat Bertelsmann noch ein erkennbares politisches Profil? Früher ging doch die Rede vom "roten Mohn". Böckelmann: Das Reden vom "roten Mohn" bezog sich immer auf die sozialen Verhältnisse im eigenen Betrieb, die Gewinnbeteiligung usw. Es gab allerdings auch eine gewisse Nähe zur SPD in den siebziger und achtziger Jahren, als mit Hilfe der nordrhein-westfälischen Landesregierung der Einstieg bei RTL gelang, durchaus keine leichte Prozedur. Aber die erste Assoziation beim "roten Mohn" war das Verhältnis zu den Mitarbeitern: der menschliche Konzern.

SZ: Kommen wir zur Stiftung. Was leistet sie in wissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Hinsicht? Böckelmann: Wenn man an die Gremien denkt, die vielen Kommissionen, in denen die Experten der Stiftung wirken, die Papiere, die sie vorlegen, dann stellt man sich vor, dass da hochkarätige Fachleute unabhängig einen Beitrag zum Wohl des Gemeinwesens leisten. Macht man sich aber die Mühe, diese Papiere zu lesen, entdeckt man, dass hier immer wieder das gleiche, schlichte Allerweltsrezept verkauft wird. Ob das nun die Bildungspolitik ist oder die Reform der Verwaltung, es geht immer um Effektivitätssteigerung nach dem Maßstab einer abstrakten Produktivität pro Zeiteinheit. Der große Push ist dann der Leistungsvergleich, zwischen Universitäten, zwischen Finanzämtern usw. Natürlich stoßen diese schlichten Rezepte auf Widerstand etwa von Seiten der Hochschullehrer. Aber er bleibt folgenlos, weil Bertelsmann diesen enormen Druck ausübt über die ständige Abstimmung mit Politikern, Parteien, anderen Konzernen.

SZ: Sie behaupten, Bertelsmann sei einflussreich gewesen, was die Sozialpolitik der rot-grünen Regierung anging. Böckelmann: Die Grundlinien von Hartz IV sind in den Labors und auf den Schreibtischen der Bertelsmann-Stiftung entstanden, was natürlich niemand weiß. Verstehen Sie recht: Es mag durchaus in dem einen oder anderen Fall nützlich sein, solche Effektivitätsmaßstäbe anzulegen. Was hingegen verhängnisvoll ist, das ist die systematische Beseitigung des Unterschiedes von Wirtschaft und Politik. Es kommt hier zu einer Art Pseudodemokratie. Die Leute sollen alle mitreden, sie sollen selbst Vorschläge machen. Es ist genauso wie im Betrieb. Es gibt da diesen schönen Begriff von network governance. Genau dahin geht diese Entwicklung: Alle schwierigen Entscheidungen werden vorabgesprochen in den Elitenetzwerken aus Parteien und Konzernen. Das ist in gewisser Weise eine Privatisierung der Politik.

SZ: Weshalb dann Ihre Skepsis, was die Zukunft von Bertelsmann angeht? Das klingt doch alles nach sehr robusten Erfolgsrezepten. Böckelmann: Es spricht viel dafür, dass gerade die ethische Selbstüberhöhung von Bertelsmann den Konzern heute in große Schwierigkeiten bringt. Dort wo andere Medienkonzerne eine Geschäftsidee haben, zumindest eine gewisse publikumswirksame Formel - wie etwa die von der "sauberen Unterhaltung" bei Disney - da ist bei Bertelsmann eine Leerstelle, die aber wiederum ist ausgefüllt von dieser Unternehmensethik.

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  1. Eine Art Pseudodemokratie
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(SZ vom 27.9.2004)