Berliner Gedichtstreit Aus dem Streit um Sexismus wird eine Pseudokampagne für Kunst

Wechselrahmen: Die Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin mit dem Gedicht, das im letzten Jahr eine Kontroverse auslöste.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Das umstrittene Gedicht "Avenidas" an der Außenwand der Alice-Solomon-Hochschule in Berlin soll nun doch ersetzt werden. Eine Entscheidung mit Nachgeschmack.

Von Lothar Müller

Fast zwei Jahre, seit April 2016, währte die Debatte um ein Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer, das auf einer Außenwand der Alice-Solomon-Hochschule in Berlin zu lesen ist. Gomringer, einer der bekanntesten Vertreter der Konkreten Poesie und inzwischen 93 Jahre alt, hatte das 1950 entstandene Gedicht der Hochschule als Dank für den ihm 2011 zugesprochenen Poetikpreis zur Verfügung gestellt. "Avenidas" ("Alleen") heißt das auf Spanisch geschriebene Werk, und in der deutschen Übersetzung lautet es so: "Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer."

Die Studentenvertretung las aus diesen Zeilen einen sexistischen Unterton heraus, witterte hinter der Geste des Kompliments den möglichen Umschlag in Zudringlichkeit oder gar Gewalt. Eine Kontroverse entwickelte sich, es gab Abstimmungen unter den Studenten, der Erhalt des Gedichtes an der Fassade wurde ebenso vehement gefordert wie seine Entfernung. Das Pen-Zentrum Deutschland forderte die Hochschule in einer scharfen Erklärung auf, der Forderung der Studenten nicht nachzukommen.

Nun hat der Akademische Senat der Hochschule entschieden, das Gedicht noch voraussichtlich bis zum Herbst dieses Jahres an der Fassade zu belassen, um es dann durch ein Gedicht der Lyrikerin Barbara Köhler, der Poetikpreisträgerin des Jahres 2017, zu ersetzen. Es soll dort maximal sieben Jahre zu sehen sein, bis es dann wieder gegen ein anderes Gedicht ausgetauscht werden wird. Und danach soll gelten, dass die Fassade alle fünf Jahre neu mit einem Werk des jeweiligen Preisträgers oder der Preisträgerin gestaltet wird.

Die radikale Empfindlichkeit ließ sich durch subtile poetologische Argumente nicht beschwichtigen

Welches Gedicht Barbara Köhlers die Wand schmücken soll, ist noch nicht entschieden. Als die Hochschule Gomringer durch die Aufnahme seines Gedichtes in den Stadtraum ehrte, war noch nicht die Rede davon, die Fassade als eine Art Litfasssäule für Poesie zu behandeln. Das Gedicht sollte ein Dauergast sein.

Dieser Zustand war den Studentinnen zur anstößigen Zumutung geworden. Die radikale Empfindlichkeit, die darin zum Ausdruck kam, ließ sich durch noch so subtile poetologische Argumente nicht beschwichtigen. Die Debatte um Sprache, Lyrik und Sexismus, die mit dem Protest der Studenten begonnen hatte, kam in der Sache zu keinem Ende oder gar Urteil. Ein Land, in dem durch Zumutungen wie dieses Gedicht monatelange Kontroversen ausgelöst werden können, kann kein krisengeschütteltes Land sein. Und nun hat sich die Hochschule entschlossen, den Gegenstand zu wechseln und aus dem Streit um Sexismus eine Kampagne für die Kunst zu machen. Es sei um eine "Möglichkeit" gegangen, so ihre Presseerklärung, dieses "Muss-bleiben-oder-muss-weg-Dilemma in eine Richtung zu wenden, die jenseits der Konfrontation produktiv werden kann". Eine Tafel in Spanisch, Deutsch und Englisch wird auf der Fassade an die Debatte erinnern.

Das klingt alles sehr salomonisch. Aber es hat etwas Wohlfeiles, es ersetzt die Attacke auf das Gedicht, gegen die sich ästhetisch oder politisch argumentieren ließ, durch ein neues Regelwerk, in dem das anstößige Gedicht gewissermaßen aus Routine verschwindet, ohne dass von seiner Anstößigkeit noch groß die Rede ist. Diejenigen, die von Beginn an eine Entfernung des Gedichtes gefordert haben, können sich nun als Sieger fühlen, ohne sich zu ihrem ursprünglichen Motiv noch einmal deutlich bekennen zu müssen. Daher der schale Nachgeschmack dieser Entscheidung.

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