Eine deutsche Ausstelung sucht nach dem Geheimnis ewiger Schönheit - und muss bis in den Fernen Osten fahren, um sie zu finden.
"Schönheit spielt für mich keine Rolle", verkündete der Künstler Jean Dubuffet im Jahr 1950. Vor allem die westliche Vorstellung von Schönheit hielt Dubuffet für "vollkommen irrig". Heute scheint die Schönheit in den bildenden Künsten ein Comeback zu erleben, so auch in Berlin: Im Rahmen des großen Festivals "Über Schönheit" zeigt das Haus der Kulturen der Welt eine Ausstellung von Gegenwarts-Kunst zum Thema. Doch es geht hier gerade nicht um die "irrigen" westlichen Vorstellungen von Schönheit: Das Haus der Kulturen will die eurozentrische Sichtweise aufbrechen und hat den Kurator Wu Hung mit der Schau beauftragt. Wu Hung ist Professor für die Geschichte der asiatischen Kunst an der University of Chicago und trägt eine schöne, schwarze Dior-Brille. 24 internationale Künstler hat er eingeladen, die meisten stammen aus Asien, viele von ihnen leben aber heute wie der Kurator im Westen.
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Eine Gruppe der ausgestellten Werke beschäftigt sich mit Traditionen des Schönen in postkolonialen Gesellschaften. (© )
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Mit seiner Schau will Wu keine Definition von Schönheit liefern, sondern Fragen stellen: Was könnte Schönheit sein? Welche Bedeutung hat sie in der Kunst von heute? In welcher Beziehung stehen Ethik und Ästhetik? Dass es auf diese Fragen nur eine Vielzahl unterschiedlicher Antworten und Neupositionierungen geben kann, versteht sich für Wu von selbst. Seine Arbeit ist Teil der postkolonialen Kritik am Projekt der Aufklärung, das Motto: Vergesst Kant!
Eine Gruppe der ausgestellten Werke beschäftigt sich daher mit Traditionen des Schönen in postkolonialen Gesellschaften: Gleich in der weiträumigen Eingangshalle hat Michael Lin überaus bunte und große Blumenmotive auf den Boden malen lassen. Tücher mit eben diesen floralen Mustern schmückten früher die Haushalte in seiner Heimat Taiwan. Auch die Fenster des Baus haben ein neues Outfit bekommen: Die aus Algerien stammende Samta Benyahia hat ein Rosettenmuster auf dunkelblaue Folie drucken lassen und damit die Glasflächen beklebt. Ihr Muster stammt aus der arabisch-andalusischen Architektur und hört auf den Namen Fatima. Wie in den traditionellen arabischen Häusern rastert es nun die Sicht aus dem Haus der Kulturen auf die Außenwelt.
An die Skulpturen von Hindu-Göttinnen erinnern Ravinder Reddys gigantische und farbenfrohe Frauenköpfe. Die Fiberglas-Häupter tragen die traditionellen Blumendutts, deren Jasminduft als schöner Reiz gilt. In Shirin Neshats Filminstallation "Passage" hingegen steht eine rituelle Handlung in Palästina im Mittelpunkt. Gut zwei Dutzend schwarz gekleideter Männer tragen in ihrem Film einen in weißes Tuch gehüllten Leichnam eine Felsküste entlang. Derweil knien in der Steinwüste schwarz verschleierte Frauen im Kreis und graben mit bloßen Händen ein Loch. Die Männer und Frauen bewegen sich gleichmäßig; der festliche Zug der Männer, das Heben und Senken der grabenden Frauenkörper gehorcht einem Ziel. Mühelos und ruhig streicht die Kamera über die Steinhalde und beobachtet die Szenerie. Untermalt wird das Geschehen durch die theatralisch wummernde Musik von Philip Glass und die rhythmisierten Klagelaute der Frauen, die so gar nicht hysterisch klingen. Eine bedrückend schöne Atmosphäre.
Statt schöner Bilder zeigt ein großer Teil der Ausstellung die Kehrseite des Strebens nach Schönheit. Es geht um die Beziehungen zwischen schönem Schein und Gewalt, Körper und Manipulation. Zu diesen schönheitskritischen Arbeiten zählen die bekannten Fotografien Cindy Shermans, aber auch die Ölgemälde von Shi Chong. Der malt so perfekt, dass man auch beim zweiten Blick noch glaubt, vor einem großen Farbfoto zu stehen. Shi Chong zeigt die Brutalität, mit der Schönheitsvorstellungen dem weiblichen Körper aufgezwungen, die kulturelle Ordnung in ihn eingeschrieben wird: Fremde Hände applizieren auf einer nackten Frau weiße Farbe, eine Maske, kleines Spielzeug.
Schönheitskritisch ist auch die Videoinstallation "The Rite of Spring" der Polin Katarzyna Kozyra: Zur Musik von Strawinsky tanzen nackte Menschen, als seien sie Kasperlepuppen. Das erstaunliche an den Nackten: Sie sind sehr alt, ihre Haut liegt in Falten. Solche Körper passen bisher nicht in das von der Werbung und MTV reproduzierte Schönheitskonzept, sie haben in unseren gegenwärtigen Bildarchiven keinen Platz. Durch die kinetische Skulptur "Bubble Machine" von David Medalla wiederum soll die "Sensualität" der schwulen Minderheit repräsentiert sein. Mannshohe, durchsichtige Röhren produzieren weißen Schaum, der oben raus quillt. Als Symbol ist diese kinetische Dauerejakulation zu platt, als Skulptur jedoch irgendwie anmutig.
Bei manch anderem Kunstwerk -- den Bambusmatten von Zhu Jinshi etwa -- erschließt sich nicht sofort, wieso es den Weg in die Ausstellung gefunden hat, wo und wie hier Schönheit verhandelt wird. Vielleicht liegt das auch an den unterschiedlichen Vokabularien der Künstler, die für den westlichen Betrachter noch unbekannt sind. Diese muss man erst buchstabieren lernen, bevor man die Kunst wirklich lesen kann. Das Haus der Kulturen regt mit seiner Ausstellung diesen Prozess des Lesen-Lernens an. Der Besucher erhält Förderunterricht in kommunikativer Gemeinsamkeit. Einer Gemeinsamkeit, die nicht mehr nur westlich ist, sondern hybrid und global.
Einfach nur schön sind die großen Schwarz-Weiß-Fotos von dem jungen Paar, das sich auf einem zugefrorenen See unterhalb des kantisch-erhabenen Bergs Fuji tollt. Die Künstler Rong Rong aus China und Inri aus Japan sind ein hübsches Paar und auf den Fotos völlig nackt. Sie laufen auf dem zugeschneiten Eis umher, finden sich, liegen aufeinander. Die Kälte scheint ihnen nichts aus zumachen. Es mag ein süßlicher Hippie-Gedanke sein, aber vielleicht liegt genau hier eine der Voraussetzungen für Schönheit: in der Liebe.
"Schönheit", Haus der Kulturen der Welt, Berlin, bis 15. Mai. Info: Tel. 030 / 29 78 71 75
(SZ vom 13.4.2005)
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