Berlinale Teddy Award "Sie wissen, dass Homosexuelle gehasst werden"

Sonst alles fröhlich beim 30. Teddy-Award: Moderator Jochen Schropp und die Burlesque-Tänzerinnen Lada Redstar (l.) und Sheila Wolf. Der schwul-lesbische Filmpreis wird im Rahmen der Berlinale vergeben.

(Foto: dpa)

Flüchtlinge sind nur schutzbedürftig, wenn sie Kriegsflüchtlinge sind? Nein, auch wenn sie schwul oder lesbisch sind, erklärt die Generalsekretärin von Amnesty International beim Teddy Award auf der Berlinale.

Interview: Ruth Schneeberger

Kurz vor Abschluss der Berlinale sind Freitagnacht in Berlin zum 30. Mal die Teddy Awards verliehen worden. Auf der Jubiläumsparty des schwul-lesbischen Filmpreises erinnerten Laudatoren wie der Regierende Bürgermeister Michael Müller und sein Vorgänger Klaus Wowereit daran, wie bescheiden diese Veranstaltung einst startete, und wie um sie gekämpft werden musste. Ausgezeichnet wurde der Film "Kater" des österreichischen Regisseurs Klaus Händl, der von dem unerwarteten Gewaltausbruchs eines Paares erzählt (weitere Infos und alle Gewinner hier). Von Gewalt gegen Homosexuelle spricht bei der Preisverleihung auch die Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International, Selmin Çalişkan. Im Interview erläutert sie, warum Menschen deshalb nach Deutschland fliehen.

SZ: In Deutschland glauben viele, dass Flüchtlinge vor allem dann geschützt werden müssen, wenn sie aus Kriegsgebieten kommen. Sie sagen, es gibt noch weitere Bedrohungen.

Selmin Çalişkan: Ja, zum Beispiel wenn man schwul, lesbisch oder transsexuell ist. Dann ist man in sehr vielen Ländern dieser Welt besonderen Gefahren ausgesetzt. Viele Länder haben sogar ein Gesetz gegen Homosexualität. Zum Beispiel Tunesien. Es gibt dort ein Strafgesetz, das homosexuelle Handlungen und sogenannte Unanständigkeiten verbietet.

Was droht dann?

Mindestens drei Jahre Haft.

Wird das Gesetz auch angewendet?

Wir haben zurzeit sechs Männer, die deshalb in Tunesien verhaftet wurden. Fünf davon haben keinen Rechtsbeistand für die Gerichtsverhandlung. Besonders schlimm: Ihnen wurde eine sogenannte Anal-Untersuchung aufgezwungen. Die ist ohne deren Zustimmung passiert. Nach internationalem Recht ist das Folter.

Wie kann das sein?

In Tunesien gibt es keine Meinungsfreiheit, Demos werden brutal niedergeschlagen. Es gibt Folter durch die Polizei. In Marokko genauso. Dort und in Algerien gibt es immer noch die Todesstrafe. Die Polizei sagt, dass sie nach dem Gesetz handelt. Auch alle anderen Akteure innerhalb der Gesellschaft, die Kirche oder die nationale Menschenrechtskommission, berufen sich auf das Gesetz und sagen: Was ist denn? Wir haben doch das Gesetz, das besagt: Homosexualität ist verboten. Warum sollen wir diese Leute vor Gewalt schützen? Deshalb fliehen Menschen nach Europa. Weil der Staat sie nicht schützt.

Welche Erfahrungen machen homosexuelle Menschen auf ihrer Flucht?

Wenn man schon im Herkunftsland zu einer diskriminierten Gruppe gehört, dann wird es auf der Flucht erst mal nicht leichter. Weil man unterwegs auf die Solidarität der anderen Flüchtlinge angewiesen ist, um überhaupt durchzukommen. Vor allem, wenn man alleine flieht. Ich vermute, dass viele eher nicht sagen, dass sie homosexuell sind, um ihr Leben auf der Flucht nicht zu gefährden. Weil sie wissen, dass Homosexuelle gehasst werden.

Wenn diese Menschen bei der Asylbewerbung ihre Fluchtgründe angeben, wäre es aber ein Grund, bleiben zu dürfen.

Bei der Anhörung ist das Wichtigste die eigene Geschichte. Da ist es entscheidend, dass eine vertrauensvolle Atmosphäre geschaffen werden kann. Es kommt besonders darauf an, dass Anhörer und Dolmetscher sensibilisiert sind für Menschenrechtsverbrechen an Homosexuellen und Transgender-Personen.

Sind sie das bisher denn?

Sehr selten. Es fallen während der Anhörungen sogar diskriminierende, homophobe Äußerungen.