Berlinale: Kriegstribunalsfilm "Storm" Der offene Blick

Zuhören, Ernstnehmen, Zugestehen: Hans-Christian Schmids "Storm" und seine Forum-Doku.

Von Tobias Kniebe

Die besondere Weltsicht des Hans-Christian Schmid, sie zeigt sich vor allem in jenen Augenblicken, die andere Filmemacher gar nicht erst beachten würden. Da sieht man zum Beispiel ein etwa zehnjähriges Mädchen in einem polnischen Dorf, das früh am Morgen seine zwei jüngeren Brüder weckt, damit sie sich anziehen und für die Schule fertigmachen. Dann laufen die drei Kinder mit ihren Schultaschen ganz allein durch die Dämmerung - die Mutter hat Nachtschicht; sie schafft es nicht mehr, morgens aufzustehen.

Eine unspektakuläre, geduldige, aber darum nicht weniger nachdrückliche Art, von den Zusammenhängen der globalisierten Ausbeutung zwischen Deutschland und Polen zu erzählen. Oder auch dieser Moment: Da weigert sich eine junge Bosniakin in Berlin, mit einer Anklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs Den Haag zu sprechen - über das, was sie während des Kriegs in ihrer bosnischen Heimat erlebt hat. Dann klingelt es an der Tür. Man erkennt wie nebenbei, dass sie sich ein neues, sehr bürgerliches Leben als Musiklehrerin aufgebaut hat - und spürt, wie viel sie in dieser Situation zu verlieren hat.

Das ist eigentlich schon immer Schmids Prinzip: den Menschen erst einmal zuhören, ihr Leben ernstnehmen, ihnen den Raum einer wirklichen Existenz zugestehen - ob sie nun Figuren in seinen Spielfilmen sind oder Protagonisten seiner Dokumentarfilme. Auf dieser Berlinale kann man das gleich zweifach studieren: In "Storm" mit Kerry Fox und Anamaria Marinca, seinem englischsprachigen Wettbewerbsfilm über die Verurteilung eines serbischen Kriegsverbrechers vor dem UN-Tribunal in Den Haag; und in "Die wunderbare Welt der Waschkraft", seiner Forum-Dokumentation über eine Großwäscherei im polnischen Gryfino, die fast alle Berliner Luxushotels mit blütenweißen, frisch gestärkten Bettlaken, Tischdecken und Handtüchern versorgt. Dabei richten Schmid und seine bewährten Mitstreiter Bernd Lage (Buch) und Bogumil Godfrejów (Kamera) den Blick nun entschieden über Deutschland hinaus, zeigen sich politischer und konfliktbewusster denn je.

Im "Waschkraft"-Film ist es zum Beispiel so, dass die offensichtlichen Themen wie Lohndumping und Management-Kalkulationen lange auf sich warten lassen. "Es gibt leider immer noch keine Maschinen, die Kopfkissen von Bettbezügen unterscheiden können", sagt der Geschäftsführer der Wäscherei da, mit offensichtlichem Bedauern. Der Film aber nimmt einfach zwei seiner Wäscherinnen in den Blick, folgt ihnen nach Hause, begleitet dann auch den Ehemann, selbst die Mutter. Für Agitation à la Michael Moore eignet sich das alles nicht - diese Dokumentation ist einfach nur eine sehr genaue Studie über die Alltagssorgen der Menschen unmittelbar jenseits unserer Grenze.

"Storm" dagegen setzt gleich wesentlich mehr Energien in Bewegung, sodass man sich bald fragt, ob Lange und Schmid von den riesigen Themen, die sie da aufreißen, nicht schnell überwältigt werden. Nicht nur haben sie sich die Aufgabe gestellt, die doch recht komplexen Arbeitsstrukturen des UN-Tribunals, das Kriegsverbrecher aus dem ehemaligen Jugoslawien zur Strecke bringt, authentisch wiederzugeben - auch die EU-Bürokratie spielt eine große Rolle. All diese Motive verdichten sich in der Figur der Hannah Maynard (Kerry Fox), einer kompetenten Anklägerin am Haager Tribunal, die bei der letzten Beförderung übergangen wurde, ihren Fall gegen den mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrecher Duric zu verlieren droht und zu allem Überfluss auch noch privat mit dem EU-Beitrittsbeauftragten für BosnienHerzegovina verbandelt ist. Derart die politische Themenschraube anzuziehen, das erinnert an durchaus zwiespältige Vorbilder wie Costa-Gavras.

Was den Film dann aber wieder ganz eigenständig macht, ist Schmids stets unvoreingenommener Blick. Wenn etwa das ganze Gericht zu einem Ortstermin nach Sarajewo einfliegt, wenn Hannah eine Schutzweste anziehen muss, weil es jetzt ins "Feindesland" geht, in die immer noch hassverseuchte Republika Srpska, und dann ein Konvoi schwarzer Limousinen sich durch die fast schmerzhaft idyllische Hügellandschaft windet, zur träumerischen Musik von Notwist -dann werden die widersprüchlichsten Gefühle plötzlich ganz sinnlich erfahrbar: Der Wahnsinn dieses vergangenen Krieges - aber auch die Okkupationsgeste, mit der die internationale Gemeinschaft hier Frieden und Recht erzwingen will. Meisterhaft, wie Schmid und Lange diese Kräfte aufeinanderkrachen lassen, bis ein "Deal" erreicht ist, der nicht nur das Leben der wichtigsten Zeugin zu zerstören droht, sondern die Existenz der Anklägerin gleich mit.

So überzeugend ist hier die vernichtende Analyse der UN-Bürokratie, dass der Hoffnungsschimmer, mit dem Schmid seine Zuschauer am Ende entlässt, beinah aufgesetzt wirkt. Die Berlinale aber dankt es ihm mit stürmischem, kaum enden wollendem Applaus - für solche Filme ist dieses stets politische Festival wie geschaffen.

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