Berlinale: Kate Winslet Notorische Nacktheit

Kate Winslet, die Hauptdarstellerin von Stephen Daldrys "Der Vorleser", reist mit schwerem Gepäck nach Berlin - bei den Oscars gilt sie inzwischen als Favoritin.

Von Roland Huschke

Zu den Wonnen der BBC-Serie "Extras", die hinter die Kulissen des Filmgeschäfts spielt, zählten die vielen stark wahrheitshaltigen Gastrollen prominenter Schauspieler. Als Nonne in einem fiktiven Drama über die NS-Ära stach Kate Winslet damals alle anderen aus, indem sie erklärte: "Es ist ja nicht so, als ob die Welt noch einen Holocaust-Film bräuchte, es gibt wahrlich genug - aber für mich ist damit praktisch ein Oscar garantiert". Und weiter: ",Schindler's bloody List', ,The Pianist' - Oscars coming out of their asses!"

"Es gibt nichts, für das ich mich schämen könnte": Schauspielerin Kate Winslet.

(Foto: Foto: ap)

Skandal? Exkommunikation aus Hollywood? Drei Jahre später geht Kate Winslet nach ihrem Doppelgewinn bei den Golden Globes als Favoritin ins diesjährige Oscarrennen. Nominiert für ihre Darstellung der ehemaligen KZ-Wärterin Hanna Schmitz in der "Der Vorleser" wird sie auch auf der Berlinale erwartet, wenn der Film außer Konkurrenz seine deutsche Premiere feiert. Winslet weiß selbst nicht, ob sie sich nun als Schlüsselfigur eines Holocaust-Filmes ein klein wenig schämen oder doch laut lachen soll - ob der Prophetie der Satire.

Beim Treffen im New Yorker Waldorf Astoria Hotel - ihr Mann Sam Mendes hat seine Produktionsfirma im nahgelegenen Meat Packing District - ist sie deutlich schlanker und glamouröser als bei früheren Begegnungen, wo sie sich kettenrauchend und herzhaft fluchend, in Jeans und Haargummi, als die Unkompliziertheit in Person präsentierte. Kurze Irritation: Man weiß ja nie, ob und wie sich der letzte Erfolg jeweils auswirkt. Das legt sich aber sofort, als sie zu reden beginnt. Mit Energie für zwei, sehr schnell und mit einer Überzeugungskraft, als seien ihr viele Antworten gerade das erste Mal in den Sinn gekommen.

"Wir leben in einer Gesellschaft voller Vorurteile", erklärt sie gleich zu dem ewig virulenten Schönheitsthema, "und es macht mich traurig, dass jeder nur noch über seine Außenwirkung definiert wird. Wäre es nicht schön, wenn wir alle so frei und wir selbst sein könnten, nicht länger als zwei Minuten am Tag über unsere Kleidung nachzudenken?"

Kate Winslet kann das schon - fast. Ihr unkorrekter Humor jedenfalls wird nicht gegen sie verwendet - sie ist nach fünf vergeblichen Nominierungen bei den Oscars schlicht an der Reihe. Diskutabel ist höchstens, ob ihre zweite aktuelle Arbeit in "Zeiten des Aufruhrs" preiswürdiger und vielschichtiger war, zumal sie eher den Kriterien einer Hauptrolle entsprach. Den Golden Globe für "Der Vorleser" nahm sie immerhin noch als Nebendarstellerin in Empfang, so überaus gerührt freilich, dass ihr die britische Presse prompt den Spitznamen "Weeping Winslet" verpasste.

"Nur" fünfeinhalb Monate Vorbereitungszeit

Dass sie nun mit geschätzter 300-Dollar-Frisur und Designerkleid glamouröser denn je anmutet, zeigt keinesfalls eine Abkehr von den interessanten Filmemachern und vielschichtigen Charakterrollen an, die ihr in Hollywood Respekt verschafft haben. Sie hat nur Gefallen daran gefunden, den repräsentativen Teil ihres Berufes "wie eine Rolle" zu zelebrieren - als Abwechslung zu Mutterpflichten und vierzehn-Stunden-Drehtagen. Ein bisschen schade zwar, dass sie anders als früher sparsamer mit hochgradig obszönen Formulierungen umgeht - aber die Liebe zu ihrem Beruf kommt in jedem Moment durch.

Zum Beispiel wenn sie ihre anfänglichen Panik erinnert, dass "nur" fünfeinhalb Monate Vorbereitungszeit für "Der Vorleser" nicht genug sein könnten, nachdem sie für Nicole Kidman einsprang. Wenn sie mit tiefen Sorgenfalten zwischen den Augen beschreibt, wie sie sich vor harten Szenen manchmal übergeben müsse, so tief säße das Verantwortungsbewusstsein für die gespielte Figur. Aber dann, auf Schatten folgt Licht, steht ihr das noch nicht ganz begreifliche Glücksgefühl ins Gesicht geschrieben, in direkter Folge die Chance zu zwei Rollen gehabt zu haben, "auf die viele Schauspielerinnen ein Leben lang warten". Und immer wieder dieses Wort als Ziel und Antriebskraft: Freiheit.

Keine Hilfsmittel

"Kate Winslet ist meine Heldin: Sie ist in jedem ihrer Filme nackt oder hockt auf dem Klo" - auch dieses eigentümliche Kompliment von Kollegin Halle Berry umschreibt die Freiheit, mit der Kate Winslet über die Jahren im Fernduell mit Cate Blanchett zur ernsthaftesten Anwärterin auf den inoffiziellen Meryl-Streep-Titel als technisch versierteste und zugleich wahrhaftigste Schauspielerin Hollywoods wurde. Ihre notorische Nacktheit im Kino ist immer auch ein Weg, Figuren auf ihr Wesentliches zu reduzieren, darum sieht man sie kaum in Rollen, die Hilfsmittel verlangen, Kostüme, Perücken, Maske. "Es gibt nichts, für das ich mich schämen könnte vor der Kamera", sagt sie - und dieses Vertrauen in sich selbst als wichtigstes Werkzeug ist das exakte Gegenteil von Schamlosigkeit.

Vereinzelte Kritik an ihrer offensiven Sexualität in "Der Vorleser" ist deshalb geradezu widersinnig. Wenn sie den jungen David Kross verführt, dann geht das nur, weil sie seinen Blick immer wieder ablenken will von ihren Augen, hinter denen sich Geheimnisse verbergen, die ein reiferer Mann erahnt hätte. Dafür gibt es, wenn jetzt nicht alles schiefgeht, den Oscar. Und eher nicht für die Holocaust-Thematik.