Berlinale Hoffnung wagen?

Geschichte ist nie vergangen: In den Nebenreihen der Berlinale scheint das Black Cinema bereits die Obama-Zeit zu reflektieren - und die gewaltigen Aufgaben, die noch zu bewältigen bleiben.

Von Philipp Stadelmaier

Als Präsident Obama kürzlich aus dem Amt schied, hat ihm einer der bedeutendsten afroamerikanischen Intellektuellen, Ta-Nehisi Coates, einen Essay gewidmet mit dem Titel: "My President Was Black". Es war eine ambivalente Liebeserklärung an den ersten schwarzen Präsidenten und seinen Optimismus, dass die Situation der Schwarzen sich kontinuierlich verbessern werde. Coates entgegnet, dass Obama das Ausmaß des weißen Hasses auf die Schwarzen unterschätzt habe. Der Beweis: Trump.

Schwarze Geschichte zwischen Resignation und Hoffnung, das war in diesem Jahr oft Thema in den Nebenreihen der Berlinale, im Panorama und im Forum. Am Ende dieser frühlingshaften Festspiele (wann zuletzt gab es hier Temperaturen um die 11 Grad?) sind auch diese Filme wärmende Lichtblicke. Nicht wegen der Themen, und auch nicht, weil sie mit der Wohltat der Berliner Sonne nach harten Minusgraden konkurrieren könnten. Sondern weil das Kino ganz bei sich ist, wenn es erzählen und zeigen kann, was so noch nicht erzählt und gezeigt worden ist - oder viel zu wenig.

Am nächsten an Coates' Essay wäre vermutlich "I Am Not Your Negro", ein Oscar-nominierter Filmessay von Raoul Peck, der im März in Deutschland ins Kino kommt. Samuel L. Jackson liest ein nachgelassenes Fragment des berühmten afroamerikanischen Schriftstellers James Baldwin, "Remember The House". Ausgehend von dem Schicksal seiner Freunde, der allesamt erschossenen Bürgerrechtler Medgar Evers, Martin Luther King und Malcom X, erzählt Baldwin in einer so poetischen wie klaren Sprache die Geschichte eines schwarzen Amerika. Es ist die Gegengeschichte zu einer von Weißen geschriebenen Historie, welche die Schwarzen und ihr Leiden lange verdrängt hat: also die simple und unerträgliche Tatsache, Bürger eines Landes zu sein, in dem man jeden Morgen wegen seiner Hautfarbe als Feind der Weißen aufwacht.

Baldwin insistiert darauf, dass diese Geschichte niemals einfach vergangen ist. Geschichte ist Gegenwart, "wir sind die Geschichte." Wie gegenwärtig sie ist, das zeigt Peck auch anhand seiner Montage. Nicht nur konfrontiert er den von Jackson eingesprochenen Text mit Archivmaterial aus Baldwins Zeit, mit weißen Hollywoodbilderwelten von damals, Rassenunruhen und Interviews mit dem sprachgewaltigen Schriftsteller. Sondern er schneidet ihn auch mit heutigen Bildern zusammen, mit Aufnahmen oft tödlicher Polizeigewalt gegen Schwarze und der auf sie folgenden Proteste und Unruhen. Allen voran in Ferguson, wo im August 2014 Michael Brown von einem weißen Polizisten erschossen wurde, den später eine Jury freigesprochen hat.

Warum überhaupt den Schulabschluss machen? Mit dieser Frage ringt die Protagonistin der Doku "For Ahkeem". Und Obama lächelt nur.

(Foto: Berlinale)

Obama taucht in "I Am Not Your Negro" nur einmal kurz auf: Im Vergleich zum kurzen symbolischen Triumph, einen schwarzen Präsidenten zu haben, dauert der Kampf um Gleichheit eine Ewigkeit. Und ist nicht auch die Oscar-Nominierung von Pecks Film ein eher symbolischer Sieg?

Ob nun im Sinne Obamas alles besser wird oder weiter hoffnungslos bleibt - diese Frage treibt dann auch "For Ahkeem" an, einen Dokumentarfilm von Jeremy S. Levine und Landon Van Soest. Sie filmen Daje, die mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder in einer ausschließlich schwarzen Umgebung lebt, gar nicht weit von Ferguson. Daje, in ihren Teenie-Jahren, ist gerade von der High School geflogen, weil sie in eine Schlägerei verwickelt war; am Anfang wird sie auf eine Sonderschule unter gerichtlicher Aufsicht geschickt, auf der sie ihren Abschluss nachholen soll.

Hart arbeiten, sich einen Platz erkämpfen - aber was, wenn das Spiel schon gelaufen ist?

Immer wieder werden ihre Freunde Opfer der Waffengewalt, die überall grassiert. In der Mitte des Films gibt es eine Trauerfeier: weinende Menschen, vor Schmerz schreiende Angehörige. Es sind erschütternde Bilder, mitten aus dem Geschehen, direkt und klar, in keiner Weise überdramatisierend. Die Kamera ist nah an den Leuten dran und hält dabei dennoch respektvollen Abstand, der Film findet den richtigen Zugang zu jenen, die immer noch viel zu selten im amerikanischen Kino auftauchen.

Die schwarze Bevölkerung scheint ihren tragischen Platz eher im Fernsehen gefunden zu haben, in den Breaking News über tödliche Polizeigewalt. Mitten in "For Ahkeem" bricht die Berichterstattung über Ferguson ein. Das Erschütterndste ist die Art, wie Daje und ihre Freunde und Angehörigen auf die Nachrichten reagieren. Nämlich fast gar nicht.

Diese Resignation spiegelt sich auch in der grundsätzlichen Entscheidung, die Daje zu treffen hat und mit der sie von Anfang bis Ende des Films kämpft: Wozu überhaupt die Schule abschließen, wenn doch sowieso alles hoffnungslos bleibt? Am Ende sieht es dann aber ganz gut aus. Daje wird schwanger von einem Kleinkriminellen, aber anstatt dass dies der Funken ist, der ihr das Leben endgültig um die Ohren fliegen lässt, verändern die Partnerschaft und das Kind alles auf sanfte Art zum Positiven. Daje liebt ihr Kind und ihr Freund liebt sie, auch wenn er zeitweise noch mal im Knast landet; er bemüht sich redlich, einen Job und sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Am Ende macht Daje dann doch ihren Abschluss.

Einmal liegt sie erschöpft auf dem Tisch, während an der Wand hinter ihr ein Obama-Poster hängt. Der hat der schwarzen Community immer wieder eingebläut, hart zu arbeiten, sich zu beweisen, sich einen Platz zu erkämpfen. Auf dem Bild lächelt er milde, als wolle er sagen: man muss Leuten wie Daje eben etwas Zeit geben, dann klappt schon alles. Aber zugleich wirkt das Arrangement leicht spöttisch, unvereinbar mit der traurigen Realität. Wenn Daje wieder etwas Glauben in die Zukunft zurückgewinnt, dann nicht aufgrund einer Vision von "Change" - sondern einzig "für Ahkeem", ihren Sohn.

Der Junge tritt in die kriminelle Gang ein, in der auch sein Bruder schon starb

Auch in "Dayveon" von Amman Abassi gibt es ein Wandposter, das den jungen schwarzen Protagonisten anzublicken scheint. Dayveon, ein Teenager im Alter von Daje, lebt in Little Rock, Arkansas - auch so eine Gegend, in der sich die Rassensegregation (gekoppelt an eine Segregation von sozialen Klassen) empfindlich bemerkbar macht. Das Poster an der Wand zeigt Dayveons älteren Bruder, der in einer lokalen Gang aktiv war und vor einiger Zeit erschossen wurde.

"Dayveon" ist keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm. Einerseits beschreibt er, wie aussichtslos und vorgezeichnet Dayveons Weg zu sein scheint. Er geht nicht mehr zur Schule und tritt schließlich der Gang bei, in der schon sein Bruder starb. Er überfällt Glücksspielrunden, kriegt mit, wie Leute erschossen werden, macht Party mit zu viel Alkohol. Aber gleichzeitig wird der Film getragen von einer Poesie, welche diese Welt und seine Hauptfigur aus ihrer sozialen Determination befreit, sie in die Geschichte des gesamten Kosmos einzubetten scheint.

Das beginnt mit der Aufnahme eines Nachthimmels, später filmt Abassi seine Figuren nachts im Auto, wobei die Dunkelheit die schwarzen Körper verschluckt, um sie im Rhythmus der vorbeiziehenden Straßenbeleuchtung wunderbar auffunkeln zu lassen wie Sterne im Universum. Immer wieder werden die Bilder vom Sternenhimmel auch mit Bienenschwärmen überblendet, die über den Müllbergen vor Dayveons Haus herumsurren. Auch die Geschichte des schwarzen Amerika liegt noch immer auf dem Müllhaufen der offiziellen, der "weißen" Geschichte. Aber die Bienen sind in der Mythologie auch fleißige Arbeitstiere. Hier erinnern sie an die ewige Aufgabe des Kinos, noch immer unterrepräsentierte Schicksale ins Universum seiner Bilder einzuweben.