Zu seiner besten Zeit schenkte das Kino uns mit dem 70mm-Format einen neuen Blick, größer als die Wirklichkeit. Nun kommt das digitale Kino - und alles wird anders.
Ein Filmfestival muss man sich als eine gewaltige Mühle vorstellen. Unaufhörlich in Bewegung, knirschend und mahlend - das Kreisen der Filmspulen und -teller in den Projektoren, dazu die drängende Bewegung des Malteserkreuzes - aber auch die Zuschauermassen, die durch die Säle, die Stars, die über den roten Teppich geschleust werden. Gern wird die Bedeutung eines Festivals suggeriert, indem man die Zahl der insgesamt gezeigten Filme angibt. Wenn ein Festival einen gewissen Aufwand und eine gewisse Dimension erreicht hat, wird es immer mehr als Eigenbewegung wahrgenommen, in der die Einzelkräfte sich verloren haben.
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Tom Tykwer schwört auf 70mm-Filme. Auch in seinem neuestem Werk "The International". (© Foto: Berlinale)
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Das mag durchaus in Ordnung sein, das Kino hat ja von allen Künsten stets am stärksten seinen eigenen Mythos zelebriert: Diese Annäherung ans Träumen, die erregende Hingabe ans Spektakel im schwarzen Kinosaal, die absolute Versunkenheit. Ein Leben, auf der Leinwand, das bigger than life ist, selbst in den intimsten Momenten. Tom Tykwer, mit dessen Film "The International" die Berlinale heute Abend starten wird, gehört zu den letzten großen Verfechtern dieses Traums. Das macht seine Filme wichtig, auch wenn nicht jeder das Versprechen einlösen mag, das das Kino gibt.
Das Nonplusultra vom Kino, das sind für Tykwer - und für viele Fans und Theoretiker - die 70mm-Filme; die Retrospektive der Berlinale ist ihnen dieses Jahr gewidmet. 70mm ist ein Format aus der größten Zeit des Kinos, der zweiten Hälfte der Fünfziger. Es steht für ein Erlebnis, das allein dem Kino gehört. Für eine Dichte und Präzision und Fülle, die jede normale Wahrnehmung übersteigt. Für einen Blick auf die Wirklichkeit, den die Wirklichkeit selbst nie bieten wird - und der deshalb seine eigene Wahrhaftigkeit hat. So gewaltig ist die Fläche des einzelnen 70mm breiten Bildes, dass alles darauf abgebildet werden kann - wie die absolute Wahrheit der Wüste von "Lawrence von Arabien".
Kein Aufwand aber kann den vollkommen Kinotraum auf Dauer gewähren. Das Kino ist von allen Künsten die fragilste, daher weist es selbst immer gern auf seinen illusionären Charakter hin. Ein verrutschter Bildstrich, eine Unschärfe, ein Kratzer bricht die Illusion. Mit digitaler Technik kommt nun eine Reinheit ins Spiel, die dem Kino bislang nie möglich, von ihm aber auch nie intendiert war. Das Kino war das Medium, das im Moment seines Erlebens Schaden nimmt, das permanenter Abnutzung ausgesetzt ist.
Man sieht in den Filmen selbst die Spuren ihrer Benutzung - die auch ihr Leben ist. Bei digitalen Abtastungen werden solche Spuren - Kratzer, Laufstreifen, Wasserschäden - wegretuschiert. Viele DVDs alter Filme sind blitzblank sauber. Eine schreckliche Reinheit - eine Sterilität. Der Mythos von der Unantastbarkeit und Unnahbarkeit des Kunstwerks - ist es das womöglich, was Walter Benjamin als Aura beschrieb, im Aufsatz zum Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit?
Mitte der Fünfziger, als 70mm propagiert wurde, mussten die Kinos umgerüstet werden, neue Projektoren, neue Leinwände. So war es auch in den Dreißigern gewesen, als der Tonfilm kam. Tonfilm oder 70mm bedeuteten einen großartigen Mehrwert, einen Zugewinn. Eine Investition in bessere Qualität. 70mm ist die Kinorevolution des Wirtschaftswunders. Die Umrüstung, die heute im Gange ist, ist anders. Durch digitale Projektion soll reduziert werden, Kosten gespart. Diese Umrüstung bedeutet die Schnäppchenjagd des Weltkinos. Alles wird billiger, und vielleicht merkt das Publikum nicht, was es verliert. Mit computergenerierten Effekten kann man inzwischen so gut wie alles machen, aber es sieht nie so monumental, so plastisch, so wirklich aus wie in "Ben Hur" oder in "West Side Story", dieser Blick senkrecht hinunter auf die Stadt.
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(SZ vom 05.02.2009/holz)
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Es ist sicher richtig, das derzeit vieles aus Gründen der Kostenersparnis getan wird. Gleichzeitig ist es aber Kulturpessimismus erster Ordnung, das digitale Kino grundsätzlich verdammen zu wollen.
Digitales Kino steckt am Anfang der Entwicklung, und es ist völlig abzusehen, dass digitale Projektion und Aufnahme in den nächsten Jahren eine massive Steigerung der Qualität erfahren werden. Die Entwicklung wird völlig analog zur digitalen Photographie und der digitalen Tonbearbeitung stattfinden. Es braucht aber wie bei jeder Änderung eines Mediums Zeit, bis sich die künstlerischen Möglichkeiten im Ergebnis niederschlagen.
Wir reden in zehn Jahren noch mal drüber...
U.
Momentan hat man den Eindruck, es dreht sich alles um die Technik. Bisher hat man nach der Film- und Kinotechnik gesucht, die die kreativen Inhalte am besten transportieren kann. Seit die großen Elektronic Konzerne die Macht übernommen haben sucht man nach Inhalten, die die neue Technik (HD) am besten einsetzt.
Wenn Kino es nicht mehr schafft Kino Feeling zu vermitteln, wenn die Filme wie aufgeblasene Fernsehspiele wirken wird das Kino sterben. Wenn Produzenten an der Herstellung des Films ihr Geld verdienen und nicht an der Kinokasse, wenn es egal ist ob der Film wirtschaftlichen Erfolg hat, ensteht Einheitsbrei. Man stelle sich vor, BMW verdiehnt sein Geld mit der Produktion, ob die Leute die Autos kaufen oder nicht ist nebensächlich, oder ein nettes Zubrot.
Wenn ein Industieprodukt wie Kino Film davon abhängig ist, ob Fernsehsender Geld dazugeben, oder Eu Kommissionen. Oder noch schlimmer, wenn man abhängig ist, dass Technikanbieter die Ausrüstung sponsern geht eine Industrie unter und es entstehen Resultate die bestenfalls im Ramschregal eines Media Marktes enden.
Aber sicher bald in Blue-Ray Technik.
Guter Beitrag! Und "´awrence" ist einer der plakativsten Filme für dieses Plädoyer!