Berlinale Das Knistern des Zigarettenpapiers

Anja Plaschg und Laurence Rupp als Dichter-Paar.

(Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion)

Dichtes Kammerspiel: Ruth Beckermanns Film über die Dichter-Liebe zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan.

Von Helmut Böttiger

Die ORF-Studios in Wien sind vorwiegend aus Holz und atmen noch den Geist der Nachkriegsmoderne; man ahnt graue Bandmaschinen und in hellen Regalen archivierte Tondokumente. Auch der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan ist von einer spezifischen existenziellen Wucht, die so nur in den Fünfzigerjahren zu verorten sein kann. Die Regisseurin Ruth Beckermann hat die Schauspieler Anja Plaschg und Laurence Rupp in diese Räume gestellt und lässt sie, oft in Großaufnahme, aus den mit Bedeutung aufgeladenen und entrückten Briefen lesen. Die beiden sind ungefähr genauso alt, wie Bachmann und Celan es damals waren, und sie entsprechen auch ihrem Typ: Rupp hat etwas Weiches und ein entfernt poetisches Flair, Anja Plaschg, die unter dem Namen "Soap & Skin" ziemlich interessante Popmusik macht, wird genauso inszeniert wie Bachmann damals auf dem berühmten Spiegel-Cover: kurze Haare, große Augen und vor allem volle, aufgeworfene Lippen.

Die Grundidee des Films "Die Geträumten" ist es, die jungen Schauspieler von heute mit den jungen Dichtern von damals zu konfrontieren. Sie lesen, als Spiel im Spiel, die Texte für eine Radioproduktion ein, beginnen ernst und herantastend, dann tritt der Aufnahmeleiter ins Bild und rückt die Mikrofone zurecht. In der Pause sitzen sie auf einer Treppe im Freien, drehen Zigaretten und kichern. Die "Liebe" ist ein großes Wort, und Bachmann und Celan umkreisen es intensiv. Es gibt immer wieder gegenseitiges Unverständnis und Hilflosigkeit: Celan, der überlebende Jude, Bachmann, die sich in die Rolle des Opfers hineinzudenken und hineinzuschreiben versucht. Als Anja Plaschg Bachmanns pathetische Sätze "Ich habe alles auf eine Karte gesetzt, und ich habe verloren" nach einer ersten Abwendung Celans gelesen hat, hält sie sich das Manuskript vors Gesicht, verbirgt ihre Rührung und ihr Befremden - es gibt mehrere starke Szenen, in denen Distanz und Annäherung, Faszination und Abwehr in einem einzigen, widersprüchlichen Gesichtsausdruck festgehalten werden.

Auf dem Höhepunkt der Beziehung 1957/58, Celan wohnt in Paris, Bachmann in München, geht es oft darum, wer zu wem kommt. Die Schauspieler fangen an, in den Pausen über die Verhaltensweisen der beiden Dichter zu diskutieren, Rupp ist verwundert und fragt nach, Plaschg versetzt sich in Bachmann hinein. Die immer größere Nähe wird aber auch wieder aufgefangen durch entlastende Kalauer beim Zigarettendrehen. Das kann Plaschg nicht so gut, Rupp sagt: "Ich mach's dir", und Plaschg beginnt zu prusten: "Soll ich jetzt auch kommen?" Sie zeigt ihre Tattoos, die durch und durch von heute sind. Aber wenn sie auf dem Boden liegen und über Kopfhörer James Brown aus dem Jahr 1967 hören, scheinen ihre Körperbewegungen auf merkwürdig stimmige Weise dem Duktus des Briefwechsels zu folgen.

Im Spiel von Nähe und Distanz folgen die jungen Schauspieler dem Duktus des Briefwechsels

Es ist ein Kammerspiel, und es geht mehr um den Blick der Gegenwart als um den konkreten Zeithintergrund. So übernahm die Regisseurin im Publikumsgespräch auf der Berlinale ungeprüft das Klischee, Autoren wie Grass oder Heißenbüttel (die gar nicht anwesend waren) hätten Celan 1952, bei seiner Lesung auf der Tagung der Gruppe 47 "wirklich ausgelacht". Diese sonderbar begierig weiterverbreitete Legende geht einzig und allein auf ein 1976 geführtes und eher selbstdarstellerisches Interview von Walter Jens zurück.

Mit den hervorragenden Schauspielern und der konzentrierten Bildsprache gelingen Ruth Beckermann jedoch über weite Strecken paradoxerweise schöne Anklänge an ein altes Überwältigungskino. Der Briefwechsel von Bachmann und Celan, der etliche Seitenstränge hat, viele Differenzierungen und Abwägungen, ist auf die emotionalen Effekte reduziert. Manchmal werden Briefsätze und Zeilen aus verschiedenen Gedichten aus ihrem Zusammenhang gerissen und collagiert. Bachmanns Briefzeile "Aber sind wir nur die Geträumten?", in Anspielung auf Celans "es stehn / die Geträumten für / die Mitternachtsziffer", wird dreimal an verschiedenen Stellen wiederholt. Dabei wird Bachmann unter der Hand eine souveränere und realistischere Haltung zugeschrieben, obwohl im Briefwechsel klar wird, dass das Bild der "Geträumten" auf sie selbst zurückgeht. Aber der Film macht Lust, weiter über diesen spannungsgeladenen Briefwechsel und seine heutigen Lesarten zu diskutieren.