Von Marcus Jauer

Ohne Planierraupe, ohne Dynamit: Der "Rückbau" des Palasts der Republik beginnt.

Als vor einigen Tagen die ersten Baumaschinen am Palast der Republik vorrollten und die Reporter jemanden suchten, der ihnen den Abriss erklären konnte, trafen sie Michael Möller.

Palast der Republik  in Berlin

Auf die behutsame Art: Der Palast der Republik wird abgerissen. (© Foto: ddp)

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Er leitet das Projekt, das darin besteht, in 14 Monaten mitten in der Stadt eine Leere zu schaffen. Die Reporter fragten ihn, ob er sprengen wird oder die Abrissbirne schwingen, aber mit nichts davon konnte er dienen, nicht mal mit dem Wort Abriss.

Möller spricht von Rückbau, er legt Wert auf die Formulierung. Sie ändert zwar nichts am Ergebnis, aber sie beschreibt - da ist Möller ganz Bauingenieur - die Methode korrekt. Der Palast der Republik wird genauso abgebaut, wie er einmal aufgebaut wurde, nur jetzt eben rückwärts.

Wer vom Ende erzählen will, muss also zum Anfang zurück, und am Anfang war die Wanne, 180 Meter lang, 84 Meter breit. Sie reicht bis zehn Meter tief in die Erde und ist für den Palast Fundament, Keller und Schiff zugleich. Der Boden in der Stadtmitte ist weich.

Das Grundwasser reicht hier bis zwei Meter unter die Grasnarbe, es musste im Sommer 1973 zuerst abgepumpt werden. Danach gruben sich 800 Arbeiter und Soldaten in die Erde, um an der Stelle, wo Walter Ulbricht 1950 das Stadtschloss hatte sprengen lassen, für seinen Nachfolger Erich Honecker einen Palast zu errichten.

Nun war es aber gerade das Grundwasser, das alle Gebäude der Umgebung unterirdisch miteinander verband. Es wirkte wie der Balken einer Waage. Wenn der Bauplatz für den Palast eine ihrer Schalen war, war der Berliner Dom, der gegenüber auf der Museumsinsel lag, die andere.

Nahm man von der einen Gewicht, indem man eine Grube aushob, musste sich die andere naturgemäß senken. Bald zeigten sich Risse im Gemäuer des Doms. Die DDR ließ sie kitten. Aber sie blieben Beweis dafür, dass sich zwischen wilheminischer Weltstadtkirche und Schlossareal vielleicht der historische Zusammenhang lösen ließ, nicht aber der statische.

Jetzt, da der Palast 30 Jahre nach Eröffnung abgebrochen wird, zeigt sich der Zusammenhang erneut. Würde man von der Wanne, auf welcher er im Grundwasser schwimmt, Gewicht nehmen, etwa indem man jene 20000 Tonnen Stahl abräumte, die sein überirdisches Skelett bilden, muss die Wanne naturgemäß aufsteigen. Der Berliner Dom, die andere Schale jener überdimensionierten Wasser-Waage, würde sich wieder absenken. Das ist die Schwierigkeit des Projekts, das Oberbauleiter Möller zu leiten hat; ein Schaukeln beider Bauten zu verhindern.

Anfangs planten Bundesbauministerium und Berliner Senat, die Wanne, die an manchen Stellen bis zu 2,45 Meter dick ist, zu durchbohren und absaufen zu lassen, damit sie nicht aufsteigt. Aus dem Schiff wäre ein Sarg geworden. Als das bekannt wurde, meldeten sich einige ältere Männer, die sich unter dem Namen "Ruinenkollegium" zusammengetan hatten.

Sie waren Projektleiter, als das Projekt noch Aufbau nicht Rückbau hieß, und wollten die Wanne retten, nicht aus ostalgischen, sondern aus betriebswirtschaftlichen Gründen. Würde man sie mit Betonteilen beschweren, schlugen sie vor, bliebe sie standsicher und dennoch trocken, und könnte einem Museum, das später auf ihr errichtet werden soll, als Depot dienen.

Das Ministerium lehnte den Vorschlag als "unwirtschaftlich" ab. Der Senat lehnte ihn ab, weil er "von interessierter Seite" komme. Trotzdem ist er jetzt Teil des Abbruchplans.

In den letzten Tagen ist im Rücken des Palasts, dort wo die Spree entlangfließt, ein Anleger gebaut worden. An ihm werden in den nächsten sechs Wochen insgesamt 200.000 Tonnen Sand angelandet. Der Verkehr wird auf dem Fluss so stark zunehmen, dass auf eine der Brücken ein kleines Ampelhaus gesetzt werden muss, das die Vorfahrt zwischen den Lastkähnen und Ausflugsdampfern regelt.

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