Von Jens-Christian Rabe

Benjamins Kunkels harmloser Roman erzählt von der chronischen Entscheidungsunfähigkeit der wohlversorgten 20- bis 30-jährigen.

Man muss das ja erst einmal fertig bringen, ein Buch zu schreiben, dass den Nerv der Zeit trifft. Oder wenigstens den Nerv einer nicht unerheblichen Zahl vor allem jüngerer Menschen. Dem 1973 geborenen New Yorker Autor Benjamin Kunkel ist das mit seinem Debütroman ,,Unentschlossen'' gelungen.

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Benjamin Kunkel (© Foto: Jerry Bauer)

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Über 30.000 gebundene Ausgaben wurden in den Vereinigten Staaten bislang verkauft. Die geplante Startauflage allein der US-Taschenbuchausgabe soll über 100.000 liegen. Es gibt 14 Übersetzungen. Und Hymnen in fast allen amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften. Als das Buch im vergangenen Jahr in den USA erschien, feierte die wöchentliche Buchbeilage der New York Times den Roman als ,,lustigsten und klügsten Coming-of-age-Roman seit Jahren''.

Im Literaturteil des Hauptblatts hielt die NYT-Chefkritikerin Michiko Kakutani ihre Besprechung sogar komplett im Tonfall Holden Caulfields, der Hauptfigur in J. D. Salingers ,,Fänger im Roggen'', dem berühmtesten aller modernen amerikanischen Entwicklungsromane: ,,Das Buch hat mich umgehauen.''

Welchen Nerv hat Benjamin Kunkel getroffen?

Den - der Titel zeigt es an - der grassierenden Unentschlossenheit, der chronischen Entscheidungsunfähigkeit der wohlversorgten 20- bis 30-jährigen Kinder der westlichen Mittelschicht.

Held ist der 28-jährige Dwight Wilmerding. Er hat eine halbwegs elitäre Privatschulausbildung hinter sich und ein eher mittelmäßig motiviertes, aber abgeschlossenes Philosophiestudium an einer unbedeutenden Westküsten-Universität.

Mit drei, gelegentlich vier Kumpels bewohnt er eine leidlich drogenaffine WG in New York. Seinen vollkommen unspannenden Telefon-Job beim Pharma-Konzern Pfizer hat er gerade wegen einer Lappalie verloren. Besser so. Er hatte ohnehin vor, zu kündigen, konnte sich aber dann doch immer wieder nicht - genau - entscheiden.

So wie er sich morgens im Coffeeshop nicht für einen bestimmten Bagel und abends nicht für seine Freundin Vaneetha entscheiden kann: ,,Manchmal zuckte sie wie ein träumender Hund, und das jagte mir meist einen zärtlichen Schauder über den Rücken. Trotzdem, gerade weil ich diese Zärtlichkeit empfand, überlegte ich, ob ich sie nicht lieber verbergen sollte, wenn wir beide wach waren. Sie konnte uns ungünstigerweise das Gefühl vermitteln, dass wir zusammen waren.''

Das ist in seiner schrägen Lakonik alles sehr vergnüglich zu lesen, klug, auch elegant selbstironisch, wenn Dwight etwa in dem Buch ,,Der Gebrauch der Freiheit'' des fiktiven deutschen Philosophen Otto Knittel nach der Lösung seines Problems sucht. Aber irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass die Fallhöhe nicht stimmt.

So durch und durch harmlos wie der Held bleibt auch das Buch. Ein Buch, das - wie bei uns zuletzt vielleicht Florian Illies' Erinnerungen an seine Jugend in der hessischen Provinzstadt Schlitz - vor allem davon lebt, dass sich die nämliche Schicht ganz gut in ihm erkennen können wird. Und so gerät alles zum Dokument satter Sattheit. Symptomatisch auch die - in der jüngeren amerikanischen Literatur offenbar unvermeidliche - Verarbeitung des 11. September.

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