SZ: Muss ein Held ein Außenseiter sein? Waren Sie immer einer?
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Benicio Del Toro: Absolut. Eher ein Anti-Held. Ich war zu groß, zu klein, zu gut aussehend, zu hässlich. Ich sollte meinen Namen ändern.
SZ: In so was wie: Benny.
Benicio Del Toro: Ja, in so was wie Benny Dell. Ich war zu viel Latino, dann wieder zu wenig. Als ich nach Hollywood kam, gab es kaum Latinos im Geschäft. Nur Andy García.
SZ: Den Sie dann irgendwann anriefen und baten: Kannst du mir nicht helfen?
Benicio Del Toro: Nein, niemals, so bin ich nicht. Ich liebte die Filme mit Andy García und sah mir alle an. Aber ich wollte mir den Erfolg selber verdienen. So bin ich eben auf die Schnauze gefallen. Wieder und wieder. Wodurch man am meisten lernt.
SZ: Wir nennen das: ein Stehaufmännchen. Sind Sie das?
Benicio Del Toro: Da muss ich nun wirklich sagen: Ja. Sonst hätte ich die ganze Ablehnung nicht ertragen können. Die beste Vorbereitung dafür war allerdings Stella Adler, die legendäre Stanislawski-Schauspiellehrerin von Marlon Brando in New York, die wirklich die knallhärteste Art hatte, einen zu kritisieren. Danach war ich eigentlich gegen alles gewappnet.
SZ: Was ist mit der Voraussetzung des romantischen Helden: Charisma?
Benicio Del Toro: Nun ja, das hat man oder nicht. Obwohl - ich könnte vielleicht noch ein bisschen daran arbeiten.
SZ: Sie untertreiben. Sie können ja kaum die Straße unbehelligt überqueren, und man nennt Sie den dunklen Brad Pitt. Sind Sie heute vor allem bei Damen beliebt?
Benicio Del Toro: Ich renne nicht gerade herum und notiere die Trefferzahl. Was jedoch wirklich auffallend war: Nachdem ich die ersten erfolgreichen Filme gemacht hatte, kamen plötzlich Männer auf mich zu und gratulierten mir. Daran merkte ich, dass sich etwas geändert hatte.
SZ: Wie viel Disziplin muss eigentlich ein Hollywood-Held besitzen?
Benicio Del Toro: Disziplin braucht man in allem, was man ernst nimmt.
SZ: Und eine Stufe drunter? Zähneputzen, Tagebuchschreiben?
Benicio Del Toro: Ich führe tatsächlich Tagebuch, bin aber nicht beharrlich genug. Tagebücher helfen einem, zu vergessen. Du schreibst es auf - und weg ist es.
SZ: Wie steht es um Pflichtbewusstsein: Was müssen Sie auf jeden Fall erledigen?
Benicio Del Toro: Ich muss meine Hunde streicheln. Ich muss Sport treiben. Oder sagen wir, ich muss wieder damit anfangen, sobald ich zurück in Los Angeles bin. Sobald man einmal angefangen hat, läuft es, und dann ist es fast so, als müsste man es machen. Was ich aber mehr und mehr tue, ist lesen. Dafür schneide ich mir regelrecht ein Stück Zeit aus dem Tag.
SZ: Was lesen Sie gerade?
Benicio Del Toro: Dracula. Die Geschichte ist bekannt, aber haben Sie sie gelesen? Mann, ist die gut. Außerdem eine Biographie über Walker Evans...
SZ: ...der das armselige Leben der Farmer während der amerikanischen Depression fotografierte. Wie groß ist Ihre Opferbereitschaft?
Benicio Del Toro: Oh, Mist.
SZ: Wo liegen Ihre Schmerzgrenzen? Wenn ich Ihnen nun den Zucker für den Kaffee wegnehmen würde, wäre das noch okay?
Benicio Del Toro: Wunderbar, kein Problem, denn das ist etwas, was ich mir von Che abgeschaut habe: Er trank seinen Kaffee immer ohne Zucker. Ich habe ihn früher mit einer Unmenge von Zucker getrunken, darum geht's doch schließlich beim Kaffee, oder? Aber Menschen haben nicht nur einen starken Überlebenswillen, sie gewöhnen sich an alle möglichen Dinge.
SZ: Was ist wichtiger: Intelligenz oder Integrität?
Benicio Del Toro: Ich würde sagen - Integrität. Intelligenz ist schwierig zu beurteilen. Nehmen Sie einen studierten Straßeningenieur und einen Automechaniker. Wer bringt das Auto wieder in Gang?
SZ: Braucht ein Held eigentlich Freunde oder Anhänger?
Benicio Del Toro: Wenn wir davon ausgehen, dass der Held der Anführer ist... Schwierig. Hängt vielleicht von der Definition von Freundschaft ab. Auf jeden Fall muss der Held die Fähigkeit besitzen zuzuhören, sich verschiedene Standpunkte anzuhören.
SZ: Ist Loyalität eine Qualität, die man oft in Hollywood findet?
Benicio Del Toro: Bitte? Sie ist natürlich sehr, sehr selten. Aber dann hundertprozentig.
SZ: Wie viele Freunde haben Sie?
Benicio Del Toro: Eine Handvoll, nein: vielleicht zwei.
SZ: Woran glauben Sie?
Benicio Del Toro: Oh je.
SZ: Che glaubte an Ziele jenseits von Geld und Macht. Sie haben einen genialen Film gemacht, der die Publikumsinteressen ignoriert und nicht viel Geld einspielen wird. Also, könnte es Wahrheit sein?
Benicio Del Toro: Ja, das können Sie aufschreiben. Aber da haben Sie mir, das muss gesagt werden, ein bisschen geholfen.
Benicio Del Toro wurde am 19. Februar 1967 in Puerto Rico geboren. Der Sohn wohlhabender Anwälte studierte zunächst Wirtschaftswissenschaften an der University of California in San Diego. Ein Schauspielkurs begeisterte ihn jedoch derart, dass er am Stella Adler Conservatory in New York vorsprach, wo er - für ihn völlig überraschend - akzeptiert wurde. Sein Vater sprach daraufhin sechs Monate nicht mit ihm. Zum ersten Mal erregte Del Toro Aufsehen in der Rolle des vollkommen unverständlich sprechenden Ganoven Fred Fenster in "Die üblichen Verdächtigen". Vor "Che", bei dem er auch als Produzent fungiert, arbeitete er bereits bei "Traffic" (2000) mit dem Regisseur Steven Soderbergh zusammen. Die Rolle als mexikanischer Drogenfahnder brachte ihm neben zahlreichen Auszeichnungen den Oscar als bester Nebendarsteller ein. Auch für "21 Gramm" bekam er eine Oscar-Nominierung. "Che" läuft am 11. Juni in den deutschen Kinos an.
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(SZ am Wochenende vom 6.6.2009/kar)
Benicio Del Toro ist großartig in dieser Rolle, und Soderbergh hat einen einfühlsamen Film gedreht.
Kein Heldenmythos, und keine plumpe Verteufelung des Ché.
Hat mir insgesamt sehr gut gefallen, beeindruckend vor allem die Doku-Szenen vor den Vereinten Nationen. (Waren die zum Teil authentisch?)
Ich bin gespannt auf Teil II.