Man verteilte Flugblätter, auf denen zu lesen war, die Darstellung des Gekreuzigten sei eine "sadomasochistische Verherrlichung von Schmerz". Einige Studenten der evangelischen Theologie sollen "Verflucht sei Jesus!" gerufen haben. Die Schuldigen ortete er bei einem "kleinen Kreis von Funktionären, der die Entwicklung in diese Richtung trieb". Eine akademische Elite vermutete Ratzinger hinter der "gewalttätigen Explosion marxistischer Theologie"; der Anreger war der Tübinger Professor Ernst Bloch.

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Die Früchte der Studentenrevolte reifen laut Ratzinger bis heute. Wer sonst, wenn nicht die damals inthronisierten säkularen Eliten treiben den von Benedikt so scharf kritisierten Relativismus voran - einen Relativismus, "der zum Dogmatismus wird und sich im Besitz der definitiven Erkenntnis der Vernunft glaubt". Auch das Bild von Kirche bleibt davon nicht unberührt.

Seit 1968 verschieben sich, klagt Ratzinger, die Gewichte, weg von der Kirche als Communio hin zum Consilium, von der Glaubens- und Schicksalsgemeinschaft zur Quasselbude und durchdemokratisierten "Räte-Kirche". Speziell an den deutschen Gremienkatholizismus ist dieser Vorwurf gerichtet.

Dem oft papstkritischen Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), auf dessen Katholikentag es 1968 eine "Katholische Außerparlamentarische Opposition" gab, wurde beschieden: "Die nationale Ebene ist keine ekklesiologische Größe". Und 1995 fragte er in Richtung ZdK: "Ist das System von Mehrheit und Minderheit wirklich ein System der Freiheit?"

Schweigen und Zetern

Zwei Aggregatszustände kennt das Gespräch zwischen römischer Kurie und deutscher Christenheit: das beleidigte Schweigen und das beleidigende Zetern. Die Kritiker stützen sich auf ein in politischen Fragen erprobtes Mittel: auf die Meinungsumfrage.

Tatsächlich gibt es in vielen europäischen Staaten Mehrheiten für eine Abkehr vom Pflichtzölibat und die sonstigen Forderungen, die Ratzinger "Schlagwortpastoral" nennt. Laut ZdK ist es, "um die Mehrheitsverhältnisse der Mitglieder der Kirche entsprechend zu gewichten, unabdingbar, gerade Frauen auch an zentralen Entscheidungen in den Pfarrgemeinden gerecht zu beteiligen". Verheiratete Männer seien zum Priesteramt zuzulassen.

Von dieser Auffassung führt kein Weg zum kirchlichen Demokratiebegriff Ratzingers. Katholisch bedeute, "dass die Kirche der ganzen Welt, allen Kulturen und Zeiten zugehört", bedeute, "dass immer alle - auch die Gestorbenen - leben und die ganze Kirche sind, dass zu einer Mehrheit in der Kirche immer alle gehören."

Wer aber gibt Gläubigen der vergangenen Jahrhunderte eine Stimme? Die um den Papst versammelte Kirche tut es, indem sie die alten Schriften liest, die Traditionen schöpferisch weiterträgt und so auch stellvertretend für die Toten spricht. Einen ähnlichen Schwerpunkt setzen die orthodoxen Kirchen, mit denen ins Gespräch zu kommen ein Hauptanliegen Benedikts XVI. ist.

Als 1984 der Streit um die südamerikanische Befreiungstheologie kulminierte, waren abermals deutsche Theologen, vor allem Jürgen Moltmann und Johann Baptist Metz, auf jener Seite involviert, die Ratzinger bekämpfte. In der Instruktion vom 3. September schrieb der Kardinal, die marxistische Befreiungstheologie sei unvereinbar mit dem Christentum: "Es ist eine Illusion zu glauben, neue Strukturen brächten von sich aus einen ,neuen Menschen' hervor."

Viele lateinamerikanische Aktivisten hatten in Deutschland studiert, was Ratzingers Engagement gesteigert haben dürfte. Die Geschichte hat ihm Recht gegeben. Bürgerkrieg und Diktatur - und sei es jene des Proletariats - sind christlich kaum zu legitimieren.

Kurios wirken heute die Aufgeregtheiten aus den Tagen nach der Papstwahl. In Deutschland befürchtete man einen Rückfall ins Mittelalter. Dazu wird es nicht kommen. Sein Versprechen aus der ersten Generalaudienz - "Ich stelle mein Petrusamt in den Dienst der Versöhnung" - hat Benedikt bisher gehalten. Wäre es also an der Zeit für bessere Zeiten?

Wird der Papst, wenn er im nächsten Jahr nach Deutschland reist, Heimaterde betreten statt Feindesland?

Vielleicht. Wenn die Zeichen nicht trügen, markiert der Wechsel vom polnischen Charismatiker zum scheuen Beter eine Zeitenwende. Der mönchische Geist, den Benedikt schon durch seinen Namen verkörpert, der Geist des Maßhaltens und der Innerlichkeit, könnte sich als das benötigte Kontrastprogramm herausstellen zum Geist des Machens und der Leistung. Vielleicht gibt es doch noch ein Happy End in dieser Zerrüttungsgeschichte zwischen den Deutschen und ihrem Papst.

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(SZ vom 16.8.2005)