Schlau aber hoffnunglos katholisch. Joseph Ratzinger und Deutschland. Eine zerrüttete Beziehung?
Die Wahrheit ist oft paradox. Zu den wahren, scheinbar widersprüchlichen Sätzen zählt der Hinweis, die erste Auslandsreise des Papstes führe in dessen Heimat. Benedikt XVI. stammt aus Bayern, doch tatsächlich ist ihm die Heimat zum Ausland geworden.
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Joseph Ratzingers Umzug von München nach Rom vor 24 Jahren besiegelte eine zerrüttete Beziehung. "Sie mögen mich nicht, die Deutschen", seufzte Goethe einst und fügte hinzu, "ich mag sie auch nicht!" Soweit würde sich kein Papst aus dem Fenster lehnen, doch dem Flugzeug, das am kommenden Donnerstag um zwölf Uhr mittags in Köln landen soll, wird ein Pontifex entsteigen, der zurückkehrt ins Land seiner Widersacher.
Und fände der 20. Weltjugendtag nicht in Köln statt, wäre der deutsche Anteil an der katholischen Weltjugend eher gering. Der römische Deutsche und die romkritischen Deutschen leben in parallelen Welten.
Eher amüsiert als verärgert wird Benedikt den Versuchen begegnen, in Köln religionsfreie Zonen zu schaffen. Ein atheistisches Aktionskomitee lädt unter dem Motto "Heidenspaß statt Höllenqual" zur "Enttaufungszeremonie".
Mit dem Slogan "Aufklärung ist sexy" will man Menschen ansprechen, die "keinen archaischen Mythen anhängen". Genau diese vermeintliche Polarität von Vernunft und Glaube hat dazu beigetragen, dass der Papst an seinen Landsleuten zu verzweifeln droht - und diese an ihm.
Zentral für Ratzingers Denken ist die Überzeugung vom Christentum als der "Logos-Religion". Der Logos - das Wort, der Sinn, die Vernunft - sei "der rationale Urgrund alles Wirklichen". Das heißt: Das Wort Gottes schuf die Welt, Jesus ist das Fleisch gewordene Wort und die Schöpfung das bis ins Letzte sinnvolle Reich der moralischen Vernunft.
"Das junge Christentum fand seine Vorläufer nicht so sehr in den anderen Religionen als in der klassischen philosophischen Aufklärung", referierte der Kardinal in Subiaco am Vorabend des Todes von Papst Johannes Paul II. Warum also nur, mag Benedikt sich fragen, halten viele Deutsche so eisern an den alten Feindbildern fest? Warum überwinden sie nicht endlich den Dualismus der Französischen Revolution, als im Namen der Göttin Vernunft Gott bekämpft wurde?
Schon das akademische Wunderkind der sechziger Jahre war von dem Bemühen durchdrungen, fides und ratio - so später auch der Titel einer wichtigen Enzyklika Johannes Pauls II. - zu versöhnen. Doch leichter und dauerhafter konnte man es sich mit dem universitären Establishment nicht verderben als mit dem Beharren auf die, wie er es später formulierte, "notwendige Korrelationalität von Vernunft und Glaube".
Die Genugtuung ließ lange auf sich warten. Beim Streitgespräch mit Jürgen Habermas gab dieser im Januar 2004 dem Kurienkardinal Recht, sprach vom "komplementären Lernprozess" religiöser und weltlicher Mentalitäten. Es war eine Ausnahme von der Regel, wonach deutsche Intellektuelle meist die Nase rümpfen, sobald ein Kirchenmann philosophisch wird. So wuchs Jahr um Jahr eine herzliche Abneigung. Schlau sei er ja, der Ratzinger, hieß es - aber hoffnungslos katholisch.
Arroganz und Psycho-Terror
Die akademische Kränkung hat ihn, den intellektuellen Überflieger, geschmerzt und schmerzt ihn vermutlich bis heute. Zuweilen steigert sich die Enttäuschung zu einem beißenden Antiintellektualismus. Scharf wendet er sich dann gegen die "Arroganz der Intellektuellen". Als Präfekt der Glaubenskongregation habe seine Aufgabe vor allem darin bestanden, den "Glauben der Kleinen" zu schützen.
Das endlose Differenzieren, wie es die Kollegen praktizierten, trage zur Verdunstung des Glaubens bei. Theologie, sagte Ratzinger, müsse wieder zum Bemühen werden, "eine ihr vorausgehende Gabe der Erkenntnis zu verstehen." Pointiert ausgedrückt: Glaubt mehr, seid frommer, redet weniger!
Die ersten Theologen waren bekanntlich die Evangelisten - Glaubenszeugen, nicht Glaubensrelativisten. Die Wurzeln für diese Haltung liegen in Deutschland, genauer: im Deutschland der Jahre 1984 und 1968, als Joseph Ratzinger einmal mehr den Eindruck gewann, alle deutschen Intellektuellen gegen sich zu haben.
Gerade zweieinhalb Jahre waren seit der Berufung des Dogmatikers nach Tübingen vergangen, und schon packte er wieder die Koffer, floh ins beschauliche Regensburg. Er erlebte 1968, so schreibt er rückblickend, den reinen "Psycho-Terror". In Tübingen wurden seine Vorlesungen mit Trillerpfeifen gestört.
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Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...