Ben Harper Der Sound der Geschichte

Ben Harper hat die Polizeigewalt gegenüber Schwarzen immer wieder am eigenen Leib erfahren. Mit seinem neuen wütenden Album "Call It What It Is" kommt er am Samstag in die Tonhalle

interview Von Michael Zirnstein

Musikalisch ist Ben Harper ein Bewahrer. Ab und zu steht er selbst im kalifornischen Folkmusic Center hinter der Theke, einem Museum mit Shop, das seine Großeltern aufgebaut haben. "Sie haben so viel mehr für die Musik getan als ich", sagt der Gewinner von drei Grammys bescheiden. Dabei stehen Kollegen Schlange, um mit ihm zu spielen: Taj Mahal, Ringo Starr, Charles Musselwhite, Jack Johnson, Rickie Lee Jones, Natalie Maines von den Dixie Chicks, selbst seine Mutter Ellen. Legendär ist sein Album mit den Gospel-Opis Blind Boys of Alabama. "All diese Lektionen haben mich als Musiker verändert", sagt der 46-Jährige. Nach acht Jahren Pause hat er seine alte Band The Innocent Criminals, die unschuldigen Verbrecher, wieder zusammengetrommelt. Sie haben ein besänftigendes Album voller Soul, Folk, Jazz und Rock aufgenommen - mit einer wütenden Botschaft. Denn politisch ist Ben Harper ein Revoluzzer.

SZ: Der Titelsong Ihres neuen Albums heißt "Call It What It Is": Nenn es, was es ist - Mord. Sie haben ihn vor zwei Jahren geschrieben, als viele Afroamerikaner gegen die Polizeigewalt in den USA auf die Straße gingen. Inzwischen haben weiße Polizisten noch viele weitere Schwarze erschossen, die Lage eskaliert. Würden Sie den Song heute anders schreiben?

Ben Harper: Ich würde den Song nicht verändern.

Wie frustriert sind Sie, dass sich nichts ändert?

Ich fühle mich sehr schlecht. Das Thema hätte schon vor langer Zeit sehr ernst genommen werden müssen. Ich habe die Aufstände schon sehr lange kommen sehen, so wie viele Leute.

Deshalb singen Sie auch: "Don't be surprised, when it gets vandalized." Die Aufstände sind eine Reaktion auf rassistische Gewalt, sind sie auch eine Lösung?

Die Lösung ist sicherlich nicht "Auge um Auge", da sollten wir drüberstehen. Wenn wir nicht zurückschauen in der Geschichte, was diesen Wandel in der Gesellschaft ausgelöst hat, drehen wir uns im Kreis, und wir kreiseln in den Abgrund. Aber was trifft den Kern so, dass alle zurückstecken? Wäre das Krieg? Wäre das Abwarten? Wären das die Politiker? Ich habe keine allgemeingültigen Lösungen, höchstens welche für den Einzelfall. Aber was nutzen Lösungen überhaupt, wenn niemand zuhört? Das ist absolut frustrierend. Es ist unsere Aufgabe, Sympathie und Empathie zu haben - das würde helfen.

Brücke nach Deutschland: Zu den Lieblingsinstrumenten des Kaliforniers Ben Harper zählt eine Weissenborn-Hawaii-Gitarre.

(Foto: oh)

Und was ist die musikalische Lösung? "Body Count" rappten nach der Attacke auf Rodney King 1991, die auch Sie in einem Song behandelten, sehr aggressiv gegen Polizeigewalt - im Stück "Cop Killer". Ihre Lieder besänftigen eher, auch bei aufkratzenden Themen.

Jeder findet seine Kunstform, um damit umzugehen. Kunst ist eine Unterhaltung mit sich selbst und mit der Öffentlichkeit. Andererseits, wenn Sie eine Saite anschlagen können, die eine lange Zeit schwingt, dann ist das für mich das Wichtigste: Musik, die Bedeutung hat. Ich würde mir für meine Musik wünschen, dass sie mich 100 Jahre überlebt. Ich habe gerade ein fantastisches Buch gelesen: "Der Distelfink". Da geht es um ein kleines Gemälde eines holländischen Meisters aus dem 17. Jahrhundert, das die Gesellschaft 400 Jahre später beeinflusst. Das ist das Ziel, wirklich. Sie wollen doch nur den Wandel, wenn sie sich sorgen. Und die Welt ist ein besserer Ort, wenn die Leute sich sorgen. Es wäre zu einfach, nichts zu tun.

Sie haben selbst beängstigende Erlebnisse mit der Polizei hinter sich. Einmal verdächtigte man Sie des Autodiebstahls, verfolgte Sie mit einem Hubschrauber und stoppte Sie . . .

Wenn Scharfschützen auf Sie anlegen, man Ihr Gesicht in den Asphalt drückt und Sie wissen, dass alle den Finger am Abzug haben, die ihr Leben lang darauf gedrillt wurden, abzudrücken - schlimmer kann es nicht werden. Ich hatte schon oft Ärger mit der Polizei, wo ich wirklich übel behandelt wurde. Wirklich oft! Deswegen ist das so ein Problem, denn den meisten Schwarzen in den USA ergeht das so.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Polizisten sagen, sie müssen sich verteidigen dürfen?

Klar, die müssen sich verteidigen, solange ihr Land so eine massive Überversorgung der Bürger mit Waffen erlaubt. Es ist ja nicht so, dass ich nicht verstehe, dass Polizisten einen harten Job haben. Aber es gibt viele Leute mit heiklen Jobs, die immer noch gut urteilen können.

Sie starteten Ihre Karriere, nachdem Sie Bob Marley in einem Konzert gesehen hatten. Bleibt er ein Vorbild für Sie, gerade als Kämpfer für Gerechtigkeit?

Wissen Sie, wenn ich meine egozentrischen Momente habe, möchte ich immer einen Song schreiben, der Bob gefallen hätte. Ich hatte das Glück, seine Kinder zu treffen, die sind alle großartig. Auch sein musikalisches Erbe ist fantastisch: Er ist wie die Ein-Mann-Beatles. Bob Marley, Jimi Hendrix, Janis Joplin, die Beatles - das sind die Unerreichbaren. So eine Zeit wird es nie wieder geben. Ich sehe mich selbst als Schüler von Bob, nein, eher: als jemand, der Bob wissenschaftlich studiert.

Würden Sie eigentlich lieber über Musik als über Politik reden?

Nur weil ich Musiker bin, heißt das doch nicht, ich hätte keinen politischen Verstand. Ich muss meine Meinung nicht durchdrücken. Aber ich verpasse keine Gelegenheit, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

Ben Harper & The Innocent Criminals, Sa., 1. Okt., 20 Uhr, Tonhallen, Grafinger Str. 6, 21839262