Belletristik Work-Wife-Balance

Michael Kumpfmüllers neuer Roman "Die Erziehung des Mannes" zieht die Liebesbilanz eines Männerlebens - mit ernüchterndem Ergebnis.

Von Jörg Magenau

Wann ist der Mann ein Mann? fragte einst, in den gefühlvollen Achtzigerjahren, Herbert Grönemeyer. Dass Männer nicht nur zu kräftiger Muskulatur, sondern auch zu Herzinfarkt, Bauchansatz und dünnem Haar neigen, war ja bekannt. Dass sie aber auch weinen können, sehr viel Zärtlichkeit brauchen und überhaupt so verletzlich wie unersetzlich sind - außen hart, aber innen ganz weich - das war die Grönemeyer'sche Erweckungsbotschaft, hineingesungen, hineingeknödelt, hineingeheult ins feministische Zeitalter, in dem die Männer an sich und ihrer gesellschaftlichen Rolle schwer zu tragen hatten.

Seither sind sie mit sich nie wieder ganz ins Reine gekommen. Zwischen Weichei und Macho ist nur wenig Platz, der Spielraum zwischen sexuellem Draufgängertum und Schlappschwänzigkeit ist klein. Doch genau in diesem schmalen Bereich spielt sich "Die Erziehung des Mannes" ab, so der Titel des neuen Romans von Michael Kumpfmüller. Wer dabei an Motorradclubs, verschwitzte Fußballtrikots oder Kneipenabende denkt, liegt völlig falsch. Bei Kumpfmüller geht es um einen eher einzelgängerischen Komponisten, dem die Familie - erst die eigenen Eltern, später die Kinder und die Ehefrau - gewaltig in die Quere kommen. Die "Erziehung" dieses Mannes ist eine ausschließlich auf die Frau hin orientierte Bewegung, ein lebenslänglicher, immer wieder aufs Neue und anders scheiternder Versuch, Frauen zu lieben und mit ihnen zu leben.

Der zu erziehende Mann ist in diesem Fall also die Hälfte eines heterosexuellen Paares, und nur so - im Bezug zu einer Frau - scheint er sich als Mann erleben zu können. Das bedeutet: Er hat sein Glück nicht selbst in der Hand. Das ist die unausgesprochene Voraussetzung dieser literarischen Versuchsanordnung. Kumpfmüllers Held Georg hat diesbezüglich viel zu erleiden. Zu Beginn ist er fünfundzwanzig Jahre alt und Student der Musikwissenschaft, am Ende der Geschichte ist er Mitte sechzig, Vater dreier Kinder, und hat eine mit viel Getöse gescheiterte Ehe hinter sich, der sich ein jahrelanger Krieg mit der Exfrau um das Sorgerecht anschloss. Darauf folgte eine eigentlich sehr schöne Liebesbeziehung mit einer Cellistin, die aber an diesem alles zermürbenden Kampf um die Kinder und deren eigene Erwachsenwerdungsnöte zerbricht, sodass Georg schließlich, in Frauendingen resigniert, zu einer Jugendliebe zurückkehrt. Er beschließt, mit ihr das Alter zu verbringen und sich mit einer milden, langsam ausdimmenden Leidenschaft zu begnügen.

Ohne blindes Vertrauen: Unser Bild zeigt Männlichkeits-Ikone Steve McQueen mit seiner Frau Neile Adams in ihrem Haus in Palm Springs, 1963.

(Foto: John Dominis /The LIFE Picture Collection / Getty Images)

Ein ums andere Mal scheitert der Ich-Erzähler an seiner Rolle als Sohn, Ehemann und Vater

Zwischen den beiden großen Kapiteln, die vom Aufbruch und vom Niedergang der Liebesverhältnisse handeln, steht als Mittelstück eine Rückblende in Kindheit und Jugend. Hier kommt, neben frühen Freundschaften und ersten sexuellen Versuchen, tatsächlich noch ein anderer Mann ins Blickfeld: der autoritäre Vater. Er ist in Georgs Kindheit die prägende Figur. Dieser Mann versteht keinen Spaß. Er straft und richtet bei Bedarf auch ohne Anlass. Er ist Machtinstanz und unnahbare Figur, wie Väter vielleicht nur noch für Georgs Generation der in den Fünfzigerjahren Geborenen prägend gewesen ist. Eine der eindrucksvollsten Szenen des Buches handelt von einer Ohrfeige, die Georg sich einhandelt, ohne dass er verstanden hätte, wofür und weshalb. Trotzdem muss er sich später beim Vater dafür entschuldigen, weil der Vater unter seiner Tat mehr zu leiden scheint als der Sohn. Opfer- und Täterrolle verwirren sich und damit auch das kindliche Gerechtigkeitsgefühl. So - das ist die unausgesprochene Lehre - funktionierte einst die Erziehung des Mannes. Das sind die Prägungen, von denen es sich später zu lösen gilt, um Liebesfähigkeit zurückzugewinnen.

Kumpfmüller lässt seinen Helden in der Ich-Form berichten, und erst gegen Ende wird klar, dass es sich dabei um die erotische Lebensbilanz eines Altersernüchterten handelt. Wem dieser Georg erzählt oder ob er sich vielleicht nur selbst Rechenschaft ablegt, ist unerheblich. Die Perspektive führt jedoch dazu, dass man gelegentlich den anderen Blick vermisst, einen Blick von außen auf diese doch sehr in sich geschlossene Figur. Vor allem wenn es um die Exfrau und die Geschichte seiner Ehe geht, ist die Beschränkung auf Georgs Version der Ereignisse eine Verengung.

Andererseits: So funktionieren eben biografische Erzählungen - auch und vor allem in eigener Sache. Es sind ja immer die nachträglichen Zurechtlegungen, die es erlauben weiterzuleben. Es sind konstruierte Geschichten, die erst im Rückblick eine Logik und Durchschaubarkeit erhalten, die sie im Vollzug nie besaßen. Das ist der Unterschied zwischen Literatur und Leben, dem Erzählbaren und dem Unbegriffenen. Diese Differenz kommt unvermeidlich auch in Georgs Geschichte zum Vorschein. Wenn er Jahrzehnte später so genau über frühere Gefühlszustände in bestimmten Situationen Auskunft geben kann, ist Misstrauen angebracht.

Innerhalb dieses Rahmens aber ist Georg ein präziser Beobachter, ein genauer Protokollant in eigener Sache, ein akribischer und geduldiger Aufschreiber der Vergangenheit. Kumpfmüller stattet seinen Helden mit einem nüchternen, schmucklosen Stil aus. Dieser Georg neigt nicht zu Angeberei und nicht zu Schönfärberei. Er schreibt keine glänzenden Sätze und keine Merksprüche. Und doch ist sein Bericht über die Schwierigkeiten eines Mannes, erst Sohn, dann Freund, dann Ehemann und Vater und schließlich Ex-Ehemann, Geliebter und Ex-Geliebter zu sein, höchst eindrucksvoll. Es ist ein Buch über das Lieben und das Leben und wie man daran ein ums andere Mal scheitert.

Wann ist der Mann ein Mann? Der resignative Ton, der am Ende dominiert, hat mit der Verengung des Lebens auf Beziehungsfragen zu tun. Vielleicht steckt darin auch das Problem - von Georg zwar erfasst, aber nicht erkannt. Er hätte ja auch einen ganz anderen Blick auf sein Leben werfen und sehr viel mehr über seine Karriere als Komponist sprechen können. Von seiner großen Oper, die ihm ersten Ruhm einbringt, erfährt man aber nicht viel mehr, als dass seine Frau dazu nichts zu sagen wusste und wohl auch seinen Erfolg nicht recht ertrug. Gern hätte man erfahren, wie das Alltagsleben eines Künstlers mit dem Familienleben vereinbar ist. Da aber die künstlerische Arbeit nie wirklich thematisiert wird, bleibt das unklar.

Dabei wäre doch erst von hier aus - von der beglückenden schöpferischen Produktivität und von der Rückzugsmöglichkeit in der künstlerischen Arbeit - auch das Gelingen der Liebesverhältnisse denkbar. Georgs Elend ist, so gesehen, das Elend eines Künstlers, der es nie schafft, Lieben und Arbeiten zur Deckung zu bringen. Dass es ihm trotzdem gelingt, im Beruf zu reüssieren, ist das eigentliche, unausgesprochene Wunder. Doch was Kunst für die "Erziehung des Mannes" bedeutet, scheint Georg nicht zu interessieren. Vielleicht ist ihm das Künstlersein zu selbstverständlich. Die Biografie des Liebenden wirft ja mehr als genug Fragen und Probleme für einen einzigen Roman auf.

Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 320 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 17,99 Euro.