Belletristik Ins Licht

André Heller hat seinen ersten Roman geschrieben. "Das Buch vom Süden" erzählt von der Suche eines "fleißigen Taugenichts" nach Sonne und Sinn.

Von Cathrin Kahlweit

Nur im Süden sei Rettung, sagt Julians Vater. Alles sei leichter dort und vollkommener. Also fährt die Kleinfamilie Passauer aus Wien regelmäßig in den Sommerferien mit dem Zug nach Italien - nicht ohne dass die Mama, eine elegante Dame in stets raschelnden Kleidern, die Nacht in ihrem Abteil durchwacht und jeden einzelnen Zitronenbaum entlang der Gleise mit einem Nicken des Wiedererkennens begrüßt. Julian spürt und versteht, dass er dem vollkommenen Süden "nicht nur zustrebt, sondern auch entstammt". Denn er lebt mit einem stetigen Heimweh nach dem Süden. Und Heimweh, so Julian, könne man nur nach etwas haben, "was Heimat war oder ist".

Das "Buch vom Süden" ist eine Geschichte vom Abschiednehmen. Aber ist sie auch eine vom Ankommen? Von der Ambivalenz, dass der Süden nicht nur Ziel, sondern immer auch Weg ist, lebt André Hellers unterhaltsamer Debütroman. Aber eben daran leidet er auch.

Julian Passauer, das Einzelkind, das auch ein Einzelgänger ist, wächst in traumhaften Umständen auf: In seinem Dachzimmer im Schloss Schönbrunn kann er vom Bett aus die Gloriette auf der Anhöhe sehen. Der Vater, stellvertretender Direktor des Naturhistorischen Museums, war einst aufgrund eines typisch österreichischen Versehens eigentlich zum obersten Museumsdirektor ausersehen gewesen; der Bundeskanzler hatte ihn für den Bruder eines bedeutenden Funktionärs gehalten und in nepotistischer Manier mit einem schönen Posten beglücken wollen, dann aber festgestellt, dass Gottfried Passauer mit diesem Funktionär weder verwandt noch verschwägert war. Daraufhin wurde er flugs degradiert.

Den Vater stört das wenig, er forscht und reist und erzählt dem Sohn regelmäßig von der Ferne, und vom Süden natürlich auch. Die Kindheit des kleinen Julian ist ein heiterer Reigen von Ausflügen und Konzerten, von Selbst- und Umfeld-Erforschungen, samt erster Liebe zur älteren Gärtnersfrau, erotischen Erfahrungen und Anfällen von pubertärem Wahnsinn. Als Julian das Badezimmer in Stücke schlägt und hinterher, verletzt, nackt, weinend auf dem Boden liegend vom Vater gefunden wird, sagt der zärtlich: "Wir lieben dich. Alles andere wird sich finden."

So viel Liebe ist eigentlich die beste Voraussetzung für eine strahlende Zukunft. Und so folgt man, gemeinsam mit dem Autor, bereitwillig und neugierig dem verwöhnten, zaudernden Julian, der zum Licht strebt - und doch das Dunkel mit sich schleppt. Zweifelsohne hat der 69-jährige Heller seinem Helden und dessen Werdegang autobiografische Züge verliehen. Held und Geschichte bewegen sich in den Lebensräumen, in denen sich auch der Autor bewegt. Man hört Heller, das Wiener Multitalent, den Impresario, Sänger und Schauspieler, Kulturmakler, Zirkusgründer und Moderator, Sammler und Wanderer, erzählen: anekdotisch, komisch. Und der Hang zum magischen Realismus, zum Traumtänzerischen, der ab und zu ins Kitschige abgleitet, klingt ebenso durch die 300 Seiten wie die bisweilen bissige Ironie und der politische, kritische Schmäh, den der Autor früh bei Mentoren wie Helmut Qualtinger und H. C. Artmann lernte.

"Man lebt am besten da, wo es sich am besten leben lässt. Und selten ist das da, wo man geboren ist."

Gleichwohl ist es keine getarnte Biografie. Hellers Hauptfigur führt durchaus ein Eigenleben in diesem schillernden, aus Miniaturen zusammengesetzten und doch chronologisch gebauten Entwicklungsroman. Der Autor nennt seinen Helden einen "fleißigen Taugenichts". Und begleitet ihn auf dessen Karriereweg als talentierter Spieler. Zeigt den Homme à Femmes. Den Musik-, den Garten- und Naturliebhaber. Den ewig Suchenden, Reisenden, der viele Talente und viele Lieben hat und immer zu vieles, ja alles, Ruhe, Glück und Bewegung, gleichzeitig will. "Der Julian ist aus Molekülen der Ferne gebaut. Zu ihm werde ich immer unterwegs sein", sagt die Mutter über ihren Sohn. Der eigenen "schönen und wundersamen" Mutter hat Heller das Buch gewidmet.

Im Roman sucht Julian Passauer ewig diese Ferne, um dort näher bei sich selbst zu sein. Dabei begleitet ihn ein alter Herr, der Graf Eltz, als eine Art Lebensratgeber. Eltz bleibt als Figur blass, bekommt aber dafür die besten Pointen. Als der Maturant Julian, dem der Gedanke an den Dienst beim Bundesheer den Schlaf raubt, den Freund der Familie panisch anruft und gesteht, er sei am Morgen bei der Musterung desertiert, antwortet Eltz gelassen: "Sapristi! Schon bei der Musterung. Das ist überdurchschnittlich früh." Aber weil er "ein paar Durchlauchten auf den Schnittlauchten bei der derangierten Truppe" kenne, werde er das schon ausbügeln.

Während Graf Eltz den Weltenbummler mehr als einmal rettet, führt ein anderer Senior, der Herr Ruhigblütel, den der mittlerweile erwachsene Held auf seiner Grand Tour kennengelernt hat, ihn mit ruhigem Blut und ruhiger Hand seiner professionellen Bestimmung zu: dem Pokerspiel. Julian lernt von ihm Geduld und Beobachtungsgabe, und er verdient als Naturtalent schnell so viel Geld, dass er später nie wieder arbeiten muss. Er habe, konstatiert er Jahre später, nach dem Ende seiner Spielerzeit keinen Beruf, aber eine Berufung.

Das lässt ihn zwar leicht durchkommen, aber noch lange nicht mit leichtem Herzen leben. Passauer liebt drei Frauen, die eine irrlichternd und doch stetig, die zweite fremd und dabei so weise wie vertraut, die dritte gefährlich und erotisch, aber eine Heimat findet er bei ihnen nicht. Der Vater stirbt, Eltz stirbt, die Mutter stirbt, und Julian sucht immer noch, bis zum Schluss, nach dem Geheimnis des Lebens. Einen Palazzo am Gardasee samt verwunschenem Park erwirbt er, und doch kehrt er immer wieder voller Sehnsucht in das Wien seiner Kindheit unter dem Stephansdom zurück. Über den Dom sagt der Romanheld, er eile wie ein Zuckerkranker auf der Suche nach Insulin in den Schatten der Kathedrale.

Heller wiederum hat sein eigenes Haus am Gardasee samt dem verwunschenen Park vor einer Weile verlassen und ist weitergewandert, um sich seinen Lebenstraum, einen blühenden Garten in Marokko, am Fuße des Atlas, zu erfüllen. Er lebt jetzt tatsächlich meist im Süden, wo nach Ansicht des alten Passauer die Rettung ist. Und doch kehrt auch er immer noch regelmäßig in seine Wohnung im ersten Wiener Bezirk, nahe beim Stephansdom, zurück.

Sein Alter Ego, Julian Passauer, spricht bisweilen mit Häme und Zynismus über das Österreich, das er verlassen hat. Österreich, wettert er, sei ein Ausstellungsgebäude für geistige Hintertüren. Eine "Mischung aus Unter- und Überschätzung, Inkompetenz und Misstrauen gegenüber Klarheiten" beherrsche den Großteil des politischen, gesellschaftlichen und geistigen Lebens. Die Mehrheit seiner Landsleute laboriere an einer tragischen Hingabe an das Zweit- und Drittklassige. Der ungenaue Blick suche immer "das Patzige, weil es Halt" biete.

Wut und Temperament arbeiten auch im Autor Heller. Er hadert mit der aktuellen Flüchtlingspolitik, hat mit der Weigerung seiner Landsleute gehadert, sich mit Österreichs NS-Geschichte auseinanderzusetzen. Er hadert mit Provinzialität, Dummheit, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit. Dazu wiederum Passauer: "Man lebt am besten da, wo es sich am besten leben lässt. Und selten ist das da, wo man geboren ist."

"Das Buch vom Süden" ist mit all seinen kalkulierten Parallelen zur Welt des Autors ein typischer Heller, ein Zwischenwesen, ein Fabeltier, und seine Fans werden es lieben: verschwebt, verspielt, wortgewaltig, humorvoll und emotional.

Und doch: Irgendwann auf seinem mäandernden Weg in den Süden verliert Heller seine geneigten Leser. Denn der Roman hat eine entscheidende Schwäche, die durch Sprachgewalt und philosophischen Überbau nicht zu beheben ist: Ihm fehlt eine zupackende Dramaturgie ebenso wie eine Katharsis. Das Buch, das so viel will, bleibt letztlich eine - opulent ausgestattete - Nummernrevue.

Das Leben des Julian Passauer, seine Familie, seine Amouren, seine Fragen, seine Antworten, seine Träume und sogar seine Albträume sind unterhaltsam, pointenreich und bildhaft erzählt, keine Frage, und klug gedacht sind sie auch. Aber die Geschichte führt letztlich nirgendwo hin, sie ist so schön wie blutleer. Die Figuren hätten alle Chancen, die Zuneigung der Leser zu gewinnen, wenn sie nicht wirkten wie Marionetten in einem Puppentheater. Sie atmen nicht. Und weil sie nicht atmen und nicht leben, bleibt auch ihr Leiden, ihre Trauer, ihre Freude abstrakt. Symptomatisch für die Übermacht der Idee und ihre gleichzeitige Ambivalenz ist der letzte Absatz dieser langen Reise: "Und mit einer Kraftanstrengung, die schon Energien aus dem künftigen Julian benützte, rollte er über die Grenze und durch das Tor und war zu Hause. Vielleicht." - Vielleicht?

André Heller: Das Buch vom Süden. Roman. Zsolnay Verlag, Wien 2016. 336 Seiten, 24,90 Euro. E-Book 18,99 Euro.