Belletristik Dick ist ein vernünftiger Kerl

Chris Kraus' "I love Dick" war in den Neunzigern ein feministischer Kultroman. Zwanzig Jahre nach Erscheinen wirkt das Buch doch ziemlich überholt.

Von Juliane Liebert

Nach Auffassung der griechischen Antike haben edle, kluge Männer kleine Geschlechtsteile. Ein solcher edler, kluger Mann (seine Genitalien kommen erst spät und ohne Größenangaben ins Spiel) steht im Mittelpunkt von "I Love Dick". Der Mann heißt Dick, das Wortspiel erklärt sich selbst. Chris Kraus' semi-fiktionales Memoir aus dem Jahr 1997, damals beim Verlag Semiotext(e) erschienen und 2016 in Großbritannien neu aufgelegt, ist jetzt auf Deutsch herausgekommen und wird flächendeckend gefeiert. Grund: Wichtigstes, bedeutendstes, feministischstes Buch und so fort. "Chris Kraus" und "Semiotext(e)" sind die Vokabeln, die man auf Kunstausstellungen fallen lassen muss, wenn man angesagt sein will.

1997 zu Unrecht weitgehend ignoriert, wird heute allerhand Zeug in das Buch hineinprojiziert, was selbst dort, wo es mit ihm zu tun hat, mehr über die blinden Flecken des feministischen Zeitgeists aussagt als über Chris Kraus' Roman. Was darin geschildert wird, fand unter den beschriebenen Umständen tatsächlich statt: Chris Kraus und ihr Partner, der Literaturkritiker Sylvère Lotringer, lernen 1994 in einem Restaurant in New York den Kunstkritiker Dick kennen und beginnen, ihm obsessiv Liebesbriefe zu schreiben. In diesen Briefen, die sie zunächst nicht abschicken, laden sie ihn zu sich ein, wollen ihn filmen, drohen scherzhaft damit, ihn umzubringen. "Ich interessiere mich schon lange für Zerstückelungen", schreibt ihm Chris. Das hört man gerne von jemandem, den man vor zwei Tagen einmal für wenige Stunden gesehen hat.

All diese Vorgänge beschreibt Kraus satirisch, geschärft von der selbstironischen Abscheu, mit der sie die New Yorker Kunstszene sieht - mit dem Blick einer, die am Seziertisch eine tote Ratte betrachtet. Der Berichtston soll nerven und nervt auch, genauer: Die Kombination aus Berichtston und Durchgeknalltheit, die hysterische Lakonie. Entsprechend den gemeineren Klischees über feministische Bücher erzählt Chris in der 3. Person und in den Briefen in der 1., welche ihrer Sexualpartner sie wann auf welche Art schlecht behandelt haben. Sylvère schreibt Dick wiederum, dass er dank ihm wieder mit Chris schlafen darf, nachdem ihn die Ehe jahrelang "in etwas irgendwie zurückhaltend unterwürfig Schwanzschwingendes" verwandelt hatte.

Die amerikanische Schriftstellerin und Filmemacherin Chris Kraus.

(Foto: John Kelsey)

Aus heutiger Sicht spricht aus dem Buch eine merkwürdig selbstmitleidige Doppelmoral

Nach einer Party verlässt Chris ihren Mann aus Emanzipationsgründen, ("Wer ist Chris Kraus?", schrie sie. "Sie ist niemand! Sie ist Sylvère Lotringers Frau! Sie ist seine Partybegleitung!"). Da geht es eigentlich schon lange nicht mehr um Dick, falls es das je tat. Chris Kraus macht es sich stattdessen zur Aufgabe, das "Problem der Heterosexualität" zu lösen: "Mein gesamter Daseinszustand hat sich verändert, weil ich zu meiner Sexualität geworden bin: weiblich, hetero, ich will Männer lieben, gefickt werden. Ist es irgendwie möglich, dass sich damit so leben ließe wie ein schwuler Mensch lebt, also mit Stolz?"

Plötzlich ergibt auch, freudig verblüffend, die Leere am Anfang des Buches einen Sinn, zeigt sich, warum dieser Roman für so viele Künstler wegweisend war. Aus Projektion wird Reflexion, zuweilen drastisch klug, die kokette Milieuschilderung füllt sich mit Inhalt, der Leerlauf findet zu einer Richtung. Chris spricht über Ausstellungen, Frauenschicksale und kritische Theorie. Am Ende bekommt sie einen Brief von Dick und bringt einen Film heraus. Fertig ist der "wichtigste Roman über Männer und Frauen des 20. Jahrhunderts".

Trotzdem schwitzt aus all dem, nach zwanzig Jahren neu gelesen, eine merkwürdige Doppelmoral. Bei einigen Passagen rollen sich einem (gerade als Feministen) die Zehennägel auf. Bemerkenswert sind etwa die Drohungen an Dick, die heiteren Überlegungen, wie sich (s)eine Leiche am ehesten beseitigen lässt, "das ginge vielleicht in einem Vorort (beispielsweise da, wo du wohnst)". Bitte auf der Zunge zergehen lassen: Da schreibt ein fremdes Paar einem fremden Mann, dass es ihn im Rahmen eines Kunstprojekts flachlegen oder abmurksen will, und die braven Feministinnen, die sich, wenn es um eine Frau ginge, reihenweise entleiben würden, reißen die Arme hoch und jubeln, wie witzig und revolutionär das doch ist. Oder die Szene, in der Kraus Dick anruft und schlichtweg erpresst: "Ich muss dich einfach wissen lassen, wie ich mich letztes Wochenende in L. A. fühlte, nachdem ich dich gesehen hatte. Wenn ich dir das nicht erzählen kann, werde ich keine andere Wahl haben, als dich von ganzem Herzen zu hassen, vielleicht auch öffentlich". Für Chris Kraus gibt es keine Privatsphäre, weder im Lieben noch im Hassen.

Wie würde die hier beschriebene Kunstaktion unter umgekehrten Geschlechtervorzeichen beurteilt?

Diese Auszüge machen verständlich, warum der "wirkliche" Dick niemals etwas mit dem Buch zu tun haben wollte, ferner fragt man sich, wie eine solche Kunstaktion wohl unter umgekehrten Geschlechtervorzeichen beurteilt würde - sogar innerhalb des Buches. Ebenfalls als romantisch-krasse Selbstfindung? Lassen es nicht gerade solche Passagen fraglich erscheinen, ob die Frau, die da spricht, wirklich ein Problem mit den Normen der Gesellschaft hat oder ob ihr Problem nicht doch eher auch bei ihr selbst liegt?

Was irritiert, ist dieser Machtdiskurs aus Selbstmitleidperspektive, das Paradox, dass Frauen, die den Geschlechterspieß einfach umdrehen, sich damit nur neuerlich unterwerfen. Es ist immer noch die Frau, die sich am Mann abarbeitet. "Dir zu schreiben, scheint einen hochheiligen Zweck zu verfolgen, weil es schlicht nicht genug niedergeschriebene weibliche Unbändigkeit gibt. (... ) Ich glaube, dass es sich bei der bloßen Existenz von sprechenden, seienden, paradoxen, unerklärlichen, schnodderigen, selbstzerstörerischen, doch in allererster Linie öffentlichen Frauen um das überhaupt Allerrevolutionärste auf der ganzen Welt handelt." Chris Kraus sagt, was ihr die Lust am Feminismus verdorben habe, sei "seine so aufrichtige Auseinandersetzung mit dem Dilemma des hübschen Mädchens", die sie als hässliches Mädchen nie sonderlich betroffen habe.

Aber was lehrt uns "I love Dick" am Ende? Die edlen, klugen Männer wollen die "hässlichen" Mädchen nur so halbherzig ins Bett kriegen, auch, wenn sie klug sind, und zuhören wollen sie ihnen erst recht nicht, und das ist mies? 2017 muss man sagen: Dick klingt retrospektiv wie ein ziemlich vernünftiger Kerl, der recht anlasslos im Namen der Literatur und der Emanzipation abgewatscht wurde. Kraus' Idee von Feminismus hat sich überholt. Die antiken Griechen ahnen von nichts, sie lassen ihre marmornen Köpfe in ihren marmornen Händen ruhen und erfreuen sich ihrer winzigen Gemächte. Es ist Zeit für ein Buch mit dem Titel "I love Pussy". Am besten aus Sicht einer Frau.