SONNTAG, 10. Juli 2005 Die SPD Neukölln hat zum Frühschoppen in den "Lindengarten" nach Buckow geladen, eine Veranstaltung im Rahmen der landesweiten Aktion "Wahlmanifest im Dialog". Die Parteispitze hat das Wahlprogramm beschlossen, jetzt darf die Basis darüber debattieren; unter Schröder scheint die SPD eine Partei zu sein, die ihre Mitglieder gern vor vollendete Tatsachen stellt. Der Bundestagsabgeordnete Ditmar Staffelt ist zu Gast: Es helfe kein Blick zurück, sagt er, man müsse es nehmen, wie es sei. Genau darauf hat Schröder spekuliert: Während des Wahlkampfs ist keine Zeit für Zweifel und Kritik. Da muss man sich zusammenraufen und gegen die Schwarzen kämpfen. Und gegen die neue Linkspartei - den Ableger von Gysi und Lafontaine, wie Staffelt das Bündnis zwischen PDS und WASG nennt. Als er Lafontaine als stillos bezeichnet, klopfen die Anwesenden zustimmend auf die Plastiktische.

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An diesem sonnigen Sonntagvormittag sind wir dreißig Genossen, die auf den Wahlkampf eingestimmt werden. Staffelt ruft uns auf, allen Freunden und Verwandten zu erklären, worum es gehe: nämlich darum, ob sie einen modernen Sozialstaat wollten oder gar keinen. Das sei der Unterschied zwischen SPD und CDU. Dann erwähnt Staffelt natürlich noch Schröders Einsatz gegen den Irakkrieg. Und gleich wird wieder geklopft. Es scheint, als sei es wirklich das einzige Thema der Ära Schröder, für das sich die Genossen begeistern.

Ich bin fasziniert, wie das funktioniert, was Müntefering angesichts der Wahlniederlage in Sachsen-Anhalt den "Helm enger schnallen" genannt hat. Die Bilanz Schröders ist niederschmetternd: fast 180000 Parteiaustritte, eine programmatisch und personell ausgelaugte SPD, die derzeit gerade mal 27 Prozent der Menschen wählen würden, elf verlorene Landtagswahlen, annähernd fünf Millionen Arbeitslose und eine nie da gewesene Staatsverschuldung. Dagegen verblassen die Erfolge in der Umwelt- und Außenpolitik, der Atomausstieg. Trotzdem werden sich die Genossen wieder an die Info-Stände stellen - nicht enthusiastisch, aber loyal. Die Rebellion gegen die Parteispitze, die einige Kommentatoren angesichts der einsamen Neuwahlen-Entscheidung des Kanzlers erwartet hatten, ist ausgeblieben. Oder wurde sie nur bis nach der Wahl vertagt? In der Diskussion geht es schnell um das Thema "Rente" - was auch daran liegt, dass die anderen hier alle wesentlich älter sind als ich. In einem Ortsverein fragte mich mal eine Genossin, wie alt ich sei. 33, sagte ich - da sah sie mich mit einem sehnsüchtigen Blick an und antwortete: "Vor zwei Jahren war mal einer hier, der war dreißig. Aber den haben wir danach nicht wieder gesehen." Es klang, als hätten sie Bitte-melde-dich-Plakate an die Bäume gehängt.

Die Gruppe in Buckow ist repräsentativ für die SPD: Nur fünf Prozent der Parteimitglieder sind unter dreißig. Auch Schröders Minister sind größtenteils über sechzig. Egal mit welchem jungen Genossen ich in letzter Zeit gesprochen habe, es sind die "Alten", über die sich alle am meisten aufregen: dass diese "Alten" wieder die Landeslisten besetzen, dass sich ein 73-jähriger Schily noch einmal aufstellen lässt. Ein 63-jähriger Eichel. Und eine 62-jährige Wieczorek-Zeul. Wenn wir den Helm wieder abnehmen, wird darüber noch zu reden sein. Nicht nur Schröder müsste nach einer verlorenen Wahl zurücktreten, sagte mir ein junger SPD-Bundestagsabgeordneter, sondern alle über sechzig; sie hätten ihre Chance gehabt.

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(SZ-Magazin v. 22.07.2005)