Von Nicol Ljubic

Unter Schröder haben 180000 Genossen die SPD verlassen. Unser Autor stellte sich gegen den Trend - und trat ein. Hier ist das Tagebuch einer Parteikarriere.

Sonntag, 19. September 2004Was für ein schöner Tag für uns Genossen! Die Brandenburger haben gewählt - und die SPD darf weiterregieren. Das gab es, von Bremen mal abgesehen, seit zwei Jahren und sieben Landtagswahlen nicht! Trendwende! Im Willy-Brandt-Haus verkündet Parteichef Franz Müntefering, worauf wir so sehnsüchtig warten: Aus dem "tiefsten Tief" sei man heraus, sagt er. Die Sozialdemokraten könnten wieder zuversichtlich in die Zukunft blicken.

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Desktophintergrundbild für Computer aus dem letzten SPD-Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen (© Foto: SPD)

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Ich verfolge die Wahl vor dem Fernseher. Um ehrlich zu sein: Ich hatte keine Lust, ins Willy-Brandt-Haus zu gehen, denn ich habe die letzte "Wahlparty" dort noch nicht verdaut: jene zur Europawahl, für die ich mich sogar an einen SPD-Infostand auf die Straße gestellt hatte - und die im Desaster endete.

Neun Prozent Verlust für die SPD, nur noch 21,5 Prozent der Stimmen. Man muss mir damals meine Enttäuschung angesehen haben, denn als ich verloren im Raum herumstand, kam ein Kamerateam auf mich zugestürzt: "Wie fühlen Sie sich?" Ich sagte gar nichts und flüchtete."Sieh es positiv", hatte hinterher ein Genosse zu mir gesagt, "in der SPD lernt man, mit Niederlagen zu leben."

Und nun soll plötzlich alles anders sein. Dabei kann auch Franz nicht darüber hinwegtäuschen, dass die SPD in Brandenburg zwar an der Regierung bleibt, aber mehr als sieben Prozent verliert; und dass wir am selben Tag in Sachsen auf beschämende 9,8 Prozent kommen und fast von der NPD überholt werden. Von Jubel und Partystimmung sei im Willy-Brandt-Haus nichts zu spüren gewesen, erzählt eine Genossin, die dort war.

Samstag, 23. Oktober 2004 Auf dem Landesparteitag der SPD in Lübeck könnte die Stimmung nicht besser sein; so ausgelassen habe ich die Partei noch nie erlebt. Ich bin eingeladen worden, um auf einem so genannten Parteiabend aus meinem Buch Genosse Nachwuchs zu lesen, in dem ich meine Erfahrungen als Neumitglied der SPD seit meinem Eintritt im Oktober 2003 beschreibe. Nun erlebe ich in Lübeck, wie Heide Simonis mit hundert Prozent der Stimmen zur Spitzenkandidatin gekürt wird; ein Ergebnis, über das einige der Anwesenden witzeln, die UNO solle doch mal Wahlbeobachter nach Schleswig-Holstein schicken.

Im nächsten Klick: Hier wird ein Irrtum bereinigt: Man hatte ein Foto vom Kniefall in Warschau gesehen und gedacht, da sei Willy im Suff gestürzt.

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