Von Willi Winkler

"Die kriegen doch nicht etwa echtes Bier!?" - Unser Autor erinnert sich an seine Arbeit als Statist bei Rainer Werner Fassbinders "Berlin Alexanderplatz".

Der Künstlerdienst war eine Unterabteilung des Arbeitsamtes und ein so genannter Geheimtipp bei den Studenten. Er war in der Sonnenstraße über den Kellerlöchern des Stachus-Kino-Centers untergebracht, und wer 35 Mark mitbrachte, wurde klickklack und schwarzweiß fotografiert und kam in die Kartei. Statist kann jeder, er muss nur ganztags bereit sein, für hundert Mark im Bild herumzustehen. So kam ich zum Film oder doch zum Fernsehen und wurde fast berühmt.

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Im Januar 1980 schickte mich der Künstlerdienst zur Bavaria nach Geiselgasteig. Wir wurden so kurz geschoren, wie die Requisiteurin es recherchiert hatte, und bekamen Altkleider aus dem Fundus, dazu klobige Schuhe. Ordnung musste sein im Fundus, deshalb kamen die eigenen Sachen hierhin, und die Dreh-Sachen dorthin. Die Garderobière war trotzdem verwirrt: ,,Sind das Ihre Privatschuhe?'' Nein, die aus der Rolle. Die Rolle war Volk, war arbeitsloser Rumtreiber, die Hälfte eines Liebespaars, Tischfußballer, Bildfüllmaterial. Auf dem Drehplan stand jeden Tag ,,Wolf Gasthaus'', aber gedreht wurde ,,Berlin Alexanderplatz'', und der Regisseur hieß Rainer Werner Fassbinder.

Die Kollegen Statisten kannten ihn natürlich alle aus der Abendzeitung: Fassbinder als Zeuge im Kokain-Prozess um Klaus Lemke, Fassbinder bricht sich ein Bein, Fassbinder feiert Fasching in der ,,Deutschen Eiche''. Seit vielen Jahren hatte er ,,Berlin Alexanderplatz'' vorbereitet. In seinem Beitrag zu ,,Deutschland im Herbst'' (1978) spricht er Szenen in den Kassettenrekorder, Franz Biberkopf heißt er schon im ,,Faustrecht der Freiheit'' (1975). In diesem Spätwinter 1980, aber wer hätte das gedacht, blieben ihm noch zwei weitere Jahre, dann war er auch schon tot.

Der von fern so bewunderte Fassbinder, der einmal vier, fünf Filme pro Jahr heraushaute, war klein und bauchig, hatte einen großen cowboyartigen Hut auf und darunter das Gesicht mit einem Popenbart zugewachsen. Nach Möglichkeit trug er auch im Studio eine undurchsichtige Sonnenbrille. Er ließ seinen künstlerischen Mitarbeiter Harry Baer die Szene einrichten, das Licht, den Ton, dann wurden Gottfried John (Reinhold) und Hark Bohm (Lüders) im Gegenschnitt vor Standuhr aufgenommen, zwei, höchstens drei Takes. Statt ,,Action!'' hieß es ,,Und: Bitte!'' Klapp macht die Klappe, und John oder Bohm sagt einen Satz. Später sagt Claus Holm als Wirt einen Satz und poliert dabei die Biergläser in Franzens Stammkneipe. (,,Der ist aber alt geworden!'' sagten die älteren Statisten.) Es geht schnell, aber es dauert trotzdem alles lang. Günter Lamprecht berlinert den Biberkopf, Fassbinder geht raus, kommt den ganzen Tag nicht wieder. Am nächsten Tag führt Harry Baer allein Regie. Fassbinder hatte einfach keine Lust mehr.

Dunkler Schmuddelsex für die "Bild"

Und doch wurde ich bei den Dreharbeiten eines originalen Fassbinder-Wortes teilhaftig. Die RWF-Forschung hat es bisher übersehen, aber ich bin gern bereit, es hier nachzuliefern. Wir bekamen jeder ein halbes Glas braunen Biers hingestellt und ruckelten so ein bisschen den Ball hin und her, als der Regisseur plötzlich aus diesem graubraun zugewachsenen Gesicht heraus sagte: ,,Die kriegen doch nicht etwa echtes Bier!?'' War es aber, obwohl Film, ganz echtes Bier.

Es war Winter und schauerlich kalt in der Halle. Der Statist wartet und friert, aber vor allem wartet er. Man kann lesen, Karten spielen oder die Zeit so wegschwätzen. Einer schwärmt von seiner Bundeswehrzeit, ein anderer hat ein Foto-Album dabei mit all den Stars, neben denen er schon aufgetreten ist.

Bei den Außenaufnahmen in der Bergman-Straße kam ich nochmal dran. Die hieß so, weil Ingmar Bergman dort ,,Das Schlangenei'' (1977) gedreht hatte. Es gibt Straßenkampf zwischen Rechts und Links, Weimarer Republik kurz vor 1933, ein Doppeldecker-Bus kommt herangefahren, und wir müssen ihn stürmen. Ich durfte, was für ein Tag, die rote Fahne vorn über dem Fahrersitz aufpflanzen. Rotfront! Leider war damit meine politische Laufbahn auch schon wieder zu Ende.

Als ,,Berlin Alexanderplatz'' im Fernsehen lief, begann "Bild" gegen die Serie zu hetzen (Fassbinder galt schließlich als links), fand sie zu dunkel und außerdem eklig und zeigte auch, was der "Bild"-Leser sehen wollte: ,,Schmuddelsex''. Selige Zeiten, glückliche Welt. Später habe ich an einem langen Sonntag im Filmmuseum sämtliche dreizehn Folgen angeschaut, dazu den ziemlich unsäglichen Epilog, aber mich nicht einmal wieder erkannt.

Der restaurierte ,,Berlin Alexanderplatz'' wird am Freitag im Admiralspalast vorgestellt. Am 10. 2. erscheint sie in der SZ-Cinemathek auf DVD.

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(SZ v. 8.2.2007)