Von JAKOB AUGSTEIN

Nach den Anschlägen in New York und Washington muss der Begriff "Krieg" neu definiert werden

(SZ, v. 15.09.01)

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Bertie Feldstead ist tot. Der aus London gebürtige Gärtner starb Ende Juli in einem Pflegeheim im englischen Gloucester. Eine Zeitung widmete ihm einen Nachruf. Andernfalls hätte die Öffentlichkeit von diesem Umstand kaum erfahren. Feldstead war kein berühmter Mann. Auch kein bedeutender. Seine größte persönliche Leistung bestand vermutlich darin, zeitweise der älteste Mann Großbritanniens gewesen zu sein. Immerhin wurde er 106 Jahre alt. Aber das allein hätte für einen Nachruf wohl nicht gereicht. In England erinnerte man sich an diesen Mann, weil er an einem Fußballspiel teilgenommen hatte. Bertie Feldstead war der letzte Überlebende jenes sonderbaren Matches, das Deutsche und Engländer einst austrugen, in Nordfrankreich, ein paar Kilometer hinter der belgischen Grenze, im Winter 1915, auf einem bombenzerfurchten Acker, zwischen zwei Schützengräben.

Die "christmas truces", die Waffenstillstände zu Weihnachten, sind Teil der Mythologie des Ersten Weltkriegs geworden. Kriege oder die Menschen, die Kriege führen, brauchen solche Mythen. Sie sind die andere Seite des Schlachtens. Weil Menschen auch im Feind den Menschen sehen möchten. Englische und deutsche Soldaten, die sich mit "Hello Fritz" und "Hello Thommy" begrüßen, der "anständige Wehrmachtsgeneral", der "tapfere Vietkong", das sind solche Mythen. Weil Menschen auch im Krieg auf die Zivilisation nicht verzichten wollen. Vielleicht sollen diese Mythen auch die Schmerzen lindern, die die eigenen Verbrechen und die der anderen dem humanen Gewissen bereiten.

Von der spätantiken Idee vom "gerechten Krieg" bis zum modernen Konzept vom "Kriegsrecht" zeugt die Kriegskultur von diesem großen Bemühen, der zerstörerischen Gewalt fesselnde Regeln anzulegen und ein menschliches Antlitz zu verleihen. Es fällt dann offenbar leichter, im Kampf fortzufahren.

Eine dieser Regeln, die im Westfälischen Frieden von 1648 zum ersten Mal gleichsam offiziell niedergelegt wurde, lautete: Krieg ist eine Angelegenheit der Fürsten. Später eine der Staaten. Ein Krieg, den man so nennen würde, ist seit wenigstens 353 Jahren also eine Angelegenheit zwischen Staaten. Das ist keine juristische Kleinigkeit. Dahinter stehen seit dem bellum iustum von Augustinus einige Generationen abendländischen Zivilisationsbemühens.

Niemand wird es den Amerikanern angesichts des Grauens von New York und Washington übel nehmen, wenn ihnen Augustinus derzeit schnuppe ist. Aber warum tragen hier zu Lande viele Kommentatoren ihre Kugelschreiber nur noch geladen und entsichert mit sich herum? Vom "Krieg" ist in den Zeitungen jetzt zu lesen. Haben wir also Krieg?

Nein, sagt der Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland. Aber die Nato hat den Bündnisfall ausgerufen. "Juristisch nicht ganz astrein", nannte diesen Beschluss eine große Zeitung, eine "schon fast zwangsläufige" Konsequenz aus dem Nordatlantikvertrag eine andere. Vielleicht gehen die Medien leichtfertig mit dem Wort "Krieg" um. Vielleicht erleben wir aber auch eine Neubewertung dieses Begriffs.Solche Neubewertungen sind ja nicht unüblich. In der Schlacht von Bouvines, am 27. Juli 1214, geriet der französische Ritter Robert von Bethune in die Gewalt eines Gegners, Flandrer von Crepelaine. Aber anstatt, dass Flandrer die Gelegenheit nutzte, dem feindlichen Franzosen den Garaus zu machen, ließ er ihn laufen - gegen das Versprechen, nach der Schlacht ein saftiges Lösegeld zu zahlen. Der Krieg war damals ein Geschäft, schreibt der Historiker Georges Duby, die Schlacht aber ein Akt der Gerechtigkeit. Ein Mittel, Streit zu schlichten. Kein Akt der Vernichtung.

Eigentlich sollte das Völkerrecht die geeignete Adresse für alle den Krieg betreffenden Fragen sein. Aber dem Völkerrecht ist es bis heute nicht gelungen, eine brauchbare Definition für den "Angriffskrieg" hervorzubringen. Die Charta der Vereinten Nationen kennt nur drei Sorten von erlaubter kriegerischer Gewalt: Selbstverteidigung, Unterstützung eines angegriffenen Staates oder nach einem Beschluss des Weltsicherheitsrates. Weil zum Beispiel für den Kosovo-Krieg keine dieser drei Bedingungen unmittelbar zutraf und das deutsche Recht die UN-Bestimmungen implementiert, gingen im Frühjahr 1999 mehr als 50 Strafanzeigen gegen Bundeskanzler Gerhard Schröder bei der Bundesanwaltschaft ein. Tatvorwurf: Vorbereitung eines Angriffskrieges, strafbar nach Paragraph 80 StGB, Strafmaß nicht unter zehn Jahren. Daraus wurde natürlich nichts. Man kann es für problematisch halten, dass die Politiker solche zentralen Rechtsfragen offen lassen müssen, da sie es doch sind, die das Recht verteidigen müssen. Und im Kosovo-Krieg war der Gegner immerhin noch ein Staat, kein Terrorist, sondern eine völkerrechtliche Entität. Und dennoch zeigen die niedergeschlagenen Anzeigen beim Bundesanwalt, wie strapaziert das Völkerrecht schon im Kosovo-Krieg war.In den Zeitungen ist dieser Tage zu lesen, die herkömmliche Vorstellung vom Krieg ändere sich durch die Anschläge von New York und Washington. Der Westen sei bislang auf die Auseinandersetzung mit gegnerischen Staaten vorbereitet gewesen. Für Terroristen müssten neue militärische Mittel und neue völkerrechtliche Kategorien gefunden werden. Aber vielleicht rührt das rechtliche und definitorische Problem mit dem Krieg, dem man sich nun gegenübersieht, gar nicht daher, dass der Westen es mit einer neuen Form des Gegners zu tun hat. Vielleicht rührt es daher, dass der Westen, der sich für den Kampf entscheidet, zugleich die Instanz ist, die über Recht und Unrecht seines Einsatzes entscheidet. Aber diese Entscheidungen sind notwendig asymmetrisch: Der Beschluss der Nato, den Bündnisfall auszurufen, entsprang zunächst einem politischen Kalkül, keinem juristischen, wie auch der Kosovo-Krieg zunächst politisch motiviert war, nicht völkerrechtlich. Da im internationalen Rahmen die Politik das primäre Sagen hat, kommt das Recht, zumal ein so wenig kodifiziertes Recht wie das Völkerrecht, in Bedrängnis. Die Politik aber handelt natürlich mit Interessen und Mentalitäten. Ob es gelingt, im Feind sich selbst zu erkennen, ob es gelingt, den Mythos des fairen Kampfes aufrechtzuerhalten - spielt das nicht eine große Rolle dafür, wie man einen Krieg bewertet? Jener General Clausewitz, der für die moderne Theorie des Krieges verantwortlich ist, hatte zwanzig Jahre in Feldzügen verbracht, er hatte Jena und Borodino überlebt, er hatte Ströme von Blut fließen sehen und war selbst dem Tod oft genug nur durch Zufall entronnen. Clausewitz hatte also wahrlich eine Menge erlebt, aber was er an der Beresina sah, war zu viel. An seine Frau schrieb er, wären seine Empfindungen durch das lange Soldatenleben nicht so abgestumpft gewesen, er hätte den Verstand verloren. Was war an der Beresina geschehen? Einem Haufen französischer Nachzügler war es nicht mehr gelungen, die Brücken zu erreichen, bevor Napoleon sie verbrannte. Auf ihren Pferden sprengten die Kosaken heran und schlachteten die Franzosen ab. Ein Massaker.

Das Massaker verübten Irreguläre, an Wehrlosen. Außerhalb der Regeln des Krieges, die Clausewitz kannte. Das Blut der Getöteten war nicht weniger rot als jenes, das Clausewitz selber hatte fließen lassen. Aber, schreibt der Militärhistoriker John Keegan, "von uns selbst verübte Grausamkeiten lassen sich meist rechtfertigen, ein ebenso grausames Vorgehen anderer, sofern es anders aussieht, empört uns bis zum Ekel". Anders herum heißt das: Die Sehnsucht nach einem Krieg, in dem der Gegner so ist wie wir, lebt fort. Der Soldat Bertie Feldstead hätte sonst keinen Nachruf bekommen.

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