Von Claudia Tieschky

Das ZDF präsentiert an den Osterfeiertagen die Dokudramenreihe "Giganten". Uwe Ochsenknecht spielt in der ersten Folge Ludwig van Beethoven als brüllenden Berserker.

An einem Spätwintertag im vorigen Jahr, an dem der Schnee zu enormen Pfützen taute, gab Gero von Boehm in München Interviews zu seinem ZDF-Dokudrama Karol Wojtyla. Michael Mendl spielte den polnischen Papst und Mario Adorf seinen Gärtner, am Ende erblühte Polens Freiheit und im Vatikan eine Gardenie. Boehm hatte einen Film gemacht, in dem kein Süßstoff verarbeitet war, sondern Zucker, und er war euphorisiert vom Genre Dokudrama.

Ochsenknecht Beethoven ZDF

Uwe Ochsenknecht als Ludwig van Beethoven. (© Foto: ddp)

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Verschiedene Annäherung an die Wahrheit

Der Einwand, dass die Kombination von Fiktion und Dokumentation doch leider selten gelinge, brachte den adeligen Leute-Sammler ("Gero von Boehm begegnet...") nicht aus der Fassung. Er zitierte Georg Stefan Troller, 86, der wie er in Paris lebt, ein Vorbild. Troller, der zum Beispiel in seiner Sendereihe "Personenbeschreibungen" mit einer dokumentarischen Kamera vielfältigste Varianten von Realität abbilden konnte, Troller hat einmal gesagt, dass gewissermaßen alles fiktional sei, sobald die Kamera laufe, dann sei es einfach eine andere Situation - immer irgendwie künstlich.

Und insofern, bemerkte Boehm, könne man im Dokudrama doch schön mit verschiedenen Annäherungen an die Wahrheit arbeiten: Das Genre sei eigentlich so toll, das müsse noch zur Höchstform auflaufen: "Ich glaube, da ist noch viel Musik drin." Vor allem Beethoven, wie sich nun zeigt. Denn ein Jahr nach Wojtyla bringt das ZDF im Osterprogramm die erste Staffel einer Reihe von sechs prominent besetzten Dokudramen. Zu sehen sind nun in Gero von Boehms Inszenierungen Uwe Ochsenknecht als Ludwig van Beethoven und Matthias Habich als Forscher Alexander von Humboldt sowie Rolf Hoppe als Johann Wolfgang von Goethe im Film von Günther Klein ("Imperium").

Aufwendige und teure ZDF-Produktion

Die Reihe, die im Oktober fortgesetzt wird, kommt aus der ZDF-Abteilung Kultur und Wissenschaft, wo man seit einer Weile an trendgemäßen Dokuformaten arbeitet ("2057") und nun 500000 Euro pro Folge investiert hat in die Filme, die unter der reichlich großsprecherischen Mainzer Marke "Giganten" laufen. Im Oktober werden Maximilian Schell, Ben Becker und Dietmar Schönherr als Albert Einstein, Martin Luther und Sigmund Freud zu sehen sein - Giganten II, sozusagen.

Der Vorspann der Reihe ist bombastisch, massenmedial - und ein gewisser Kontrast zur mildmütig beschienenen Eleganz der klassizistischen Wohnstätten, in denen die Filme spielen. Französische Revolution und Aufklärung sind allgegenwärtig und von der ganzen Anlage her könnte man fast meinen, dass irgendwo ein Think Tank engagiert wurde, um dem klassischen europäischen Kernwertebestand ein wenig neue Glorie zu verschaffen.

Auf den Spuren der Filme unterwegs

Stille Tage mit Genie - am weitesten lassen Boehm und sein langjähriger Kameramann Tibor Szalma den Humboldt-Film treiben, mit scheinbar unendlich viel Zeit, weiten und langen Bildern aus Venezuela, vom Fluss Orinoko und vom Chimborazo, dem höchsten Gipfel, den Humboldt beinahe erreicht hätte. Neben Matthias Habich spielt Nikolai Kinski den Aimé Bonpland, den Reisegefährten des Entdeckers - er ist im südamerikanischen Urwald gewissermaßen auf den Spuren der Filme unterwegs, die sein Vater mit Werner Herzog drehte.

Kinski junior ist allerdings viel sanfter. Und für den vom Preußenkönig entnervten alten Humboldt ist er bei der Arbeit am "Kosmos" schöne, imaginierte Trostgestalt. Eine männliche Muse - auch diese Geschichte wird mit vorzüglicher Zartheit erzählt und in einer Art Schwebe gehalten, die Humboldts gequältes Schreiben als eine Sehnsuchtstat in Gedanken an Bonpland erweist.

Zylinderhüte und Mondlandschaften

Humboldt in Südamerika - das sind auch merkwürdige Aufnahmen von Gestalten in hohen, großen Zylinderhüten in einer Bergwelt, die so fremd ist wie der Mond. Der expeditionsfreudige Adelige, so umreißt es Humboldt-Forscher Ottmar Ette, habe sich letztlich auf einer Reise durch ein Netz von Kenntnissen befunden - fasziniert, dass es etwa im Flüssesystem Südamerikas nicht nur einen Orientierungspunkt gab, sondern viele.

Es gibt kundige Einlassungen in den dokumentarischen Passagen der Filme, ganz sicher aber locken die eingefügten Interviews durch Prominenz. Für Humboldt sprechen auch der Bergsteiger Reinhold Messner und der Schriftsteller Mario Vargas Llosa. Über Beethoven berichten Isabella Rossellini, Klaus Maria Brandauer ("Er war eine Riesenüberraschung in jeder Hinsicht"), Anne Sophie Mutter - und Kurt Masur beschreibt an Beethovens Musik eine "wunderbare, friedliche Endstimmung". Um mit Troller zu sprechen: Die Kamera ist dabei, die Imagination beginnt. Das lässt die Filme glitzern.

Ochsenknecht - ein deplacierter Berserker

Umgekehrt hat Boehm für die Sprache und den Ausdruck der Spielszenen quasi dokumentarisch gearbeitet und vieles aus den Aufzeichnungen Humboldts benutzt sowie aus den Konversationsheften, mit denen der fast taube Beethoven Kontakt zur Welt hielt. Boehm, der Berufsgesprächeführer, hat einen Beethoven mit Brüllton gezeichnet, und je mehr er brüllt in seiner Krankheit, umso leiser flüstern die Damen mit ihm. Ochsenknecht spielt einen in den feinen Salons deplacierter Berserker, der die Widmung an den verehrten Freiheitshelden Napoleon vom Notenblatt kratzt, als der Frankreichs Kaiser wird.

Im Goethe-Film wird dann eine alte ZDF-Kernmarke noch einmal aktiviert: Gewissermaßen als literarisches Duett treten Hellmuth Karasek und Marcel Reich-Ranicki auf. Sie deuten die letzte Liebe des Dichters. Aber Rolf Hoppes Gesicht und seine musikalische Stimme sind überhaupt das Schönste an diesem Film.

Giganten, Beethoven - Genie am Abgrund, ZDF, Freitag 19.15 Uhr; Humboldt - Ruf der grünen Hölle, Ostersonntag; Goethe - Magier der Leidenschaft, Ostermontag, jeweils 19.15 Uhr.

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(SZ vom 5./6. April 2007)